Am Abend versammelte sich Mirr auf dem Hauptdeck, weil Arendt eine Lieferung von Entsalzungsmodulen brachte. Auf riesigen Bildschirmen lächelte sein Gesicht, während echte Menschen mit echten rissigen Lippen zu ihm aufblickten.
Mara stand zwischen ihnen, Kapuze tief im Gesicht. Nico hatte ihr einen Ausweis gefälscht, der sie als Filterprüferin auswies. „Wenn du ihm nahekommst“, hatte er gesagt, „stell keine Fragen, auf die du die Antwort nicht überlebst.“
Arendt betrat die Plattform unter Applaus. Er war größer, als Mara erwartet hatte, mit silbernem Haar und Händen, die nie nach Arbeit ausgesehen hatten. Neben ihm ging eine junge Frau in schwarzer Uniform: Hauptinspektorin Sava Ruhl, Sicherheitsdienst der Behörde.
Mara wollte sich nähern, doch die Menge drängte. Da sah sie auf einem der Bildschirme plötzlich ein Standbild: Lina. Nicht tot, nicht verschwunden, sondern aufgenommen von einer Überwachungskamera in Mirr. Ihre Schwester lief durch einen Tunnel, die Hand gegen die Rippen gepresst. Hinter ihr Sava Ruhl.
Das Bild verschwand sofort. Vielleicht ein technischer Fehler. Vielleicht eine Warnung.
Das Telefon vibrierte.
Voicemail 4.
„Ich habe Timos letzte Minute gefunden“, sagte Lina. Ihre Stimme bebte. „Nicht in Akten. Im Wasser. Der Regenrufer hat das Salz aus einer Probe vom alten Wehr gelöst. Ich habe Stimmen gehört. Timo hat jemanden angefleht. Er sagte: Herr Arendt, bitte nicht. Mara, Timo kannte ihn.“
Mara presste das Telefon ans Ohr, als könnte sie Lina dadurch festhalten.
„Und noch etwas“, fuhr Lina fort. „Der Notablass war kein Unfall. Damals testeten sie ein Frühwarnsystem, das versagte. Arendt ließ das Wehr öffnen, um die Daten zu vertuschen. Timo war Zeuge. Ich war es auch. Aber ich hatte Angst. Ich war sechzehn.“
Die Nachricht endete in einem Schluchzen, das Mara schlimmer traf als jedes Geständnis.
Jemand packte sie am Arm.
Sava Ruhl.
„Frau Kessler“, sagte sie leise. „Kommen Sie mit. Wenn Sie hier schreien, sterben Menschen.“
Mara griff nach der ungeladenen Pistole. Sava bemerkte es und schüttelte kaum sichtbar den Kopf.
„Ihre Schwester lebt“, sagte Sava. „Aber Arendt weiß jetzt, dass Sie hier sind.“
Diese Worte waren kein Trost. Sie waren ein Messer, das eine neue Richtung zeigte.
Sava führte Mara unter die Plattformen, durch Wartungsschächte, in denen das Wasser dunkel gegen Stahl schlug. Nico folgte ihnen heimlich und tat nicht einmal so, als sei er unbemerkt.
„Warum sollte ich Ihnen vertrauen?“, fragte Mara.
Sava blieb stehen. „Weil ich Lina geholfen habe, die Beweise zu verstecken. Und weil ich zu spät kam, als Arendts Leute sie holten.“
„Wo ist sie?“
Sava sah zum Wasser hinunter. „In der alten Unterglas-Station. Unter dem Salzsee. Dort lagern sie Dinge, die offiziell nie gebaut wurden.“
Nico wurde kreidebleich. „Da unten hält der Druck keine Stunde.“
Sava zog eine Speicherkarte aus dem Ärmel. „Lina hat neun Nachrichten programmiert. Jede wird nur an einem bestimmten Ort ausgelöst. Die letzte öffnet ihre Sicherheitskammer.“
Mara verstand. Lina hatte sie nicht um Hilfe gebeten, weil sie die stärkere Schwester war. Sondern weil Mara die einzige war, die wütend genug war, weiterzugehen.
Über ihnen dröhnten Sirenen.
Arendts Stimme erklang aus allen Lautsprechern: „Eine Saboteurin bedroht Mirrs Wasserversorgung. Ihr Name ist Mara Kessler.“
Die Menge über ihnen begann zu schreien.