Mara fuhr noch in derselben Nacht los.
Sie nahm keinen Koffer, nur einen Rucksack, das Telefon, Linas alte Kompassuhr und die Pistole ihres verstorbenen Vaters, die nicht geladen war. An der Trockengrenze endete die Bahn. Von dort aus brachte sie ein Transporter mit blinden Scheiben über den Salzgrund. Der Fahrer, eine Frau mit tätowierten Augenlidern, verlangte dreifachen Preis, als Mara Mirr nannte.
„Dort sucht man niemanden“, sagte die Fahrerin. „Dort verliert man sich freiwillig.“
Mirr erschien am Morgen wie eine Fata Morgana aus Metall und Grün: eine Stadt aus schwimmenden Plattformen, verbunden durch Hängebrücken, getragen von Tanks, alten Pontons und umgebauten Schiffsrümpfen. Zwischen rostigen Türmen wuchsen Algenfarmen. Über allem hing ein Nebel aus verdunstetem Süßwasser, kostbarer als Gold.
Am Eingang wurde Mara von zwei Wächtern kontrolliert. Sie trugen Masken aus Muschelkalk und Geräte am Gürtel, die Feuchtigkeit in der Luft maßen. Einer bemerkte das Telefon.
„Altes Modell“, sagte er. „Nicht registriert.“
„Familienerbstück.“
Er griff danach.
Eine Kinderstimme rief: „Das gehört ihr.“
Ein Junge stand auf einem Wasserfass. Vielleicht zwölf, vielleicht fünfzehn, zu dünn, mit dunklen Locken und einer rechten Hand aus mattem Silber. Seine künstlichen Finger bewegten sich nicht ganz synchron, als würden sie selbst denken.
Der Wächter schnaubte. „Nico, verschwinde.“
„Wenn ihr es nehmt, hört die Pumpe in Sektor Drei auf zu singen.“
Die Wächter fluchten. Einer lief davon. Der andere gab Mara das Telefon zurück, als sei es plötzlich giftig.
Nico sprang vom Fass. „Du bist spät.“
„Du kennst Lina?“
Er verzog das Gesicht. „Jeder kannte Lina. Nicht jeder hat sie verstanden.“
Mara folgte ihm durch enge Gassen aus Blech, vorbei an Marktständen, an denen Kondenswasser in Phiolen verkauft wurde. Frauen stritten um Filterkeramik, Kinder fingen Nebel mit Tüchern. Über Lautsprecher predigte jemand: „Wasser gehört denen, die es bewahren.“ Darunter hatte jemand gesprüht: „Wasser gehört denen, die Durst haben.“
Nico führte Mara in einen stillgelegten Kuppelgarten. Zwischen verdorrten Zitronenbäumen stand ein Apparat aus Glasröhren, Kupferdrähten und Linas Handschrift auf Klebebändern.
„Sie hat hier gearbeitet“, sagte Nico. „An einem Regenrufer.“
Mara lachte trocken. „Meine Schwester war Ingenieurin, keine Zauberin.“
„In Mirr ist der Unterschied teuer.“
Das Telefon vibrierte.
Voicemail 3.
Linas Stimme klang jetzt klarer. „Wenn du Nico gefunden hast, bist du näher, als mir lieb ist. Der Regenrufer funktioniert nicht, weil er Regen macht. Er funktioniert, weil er Erinnerungen im Wasser liest. Jede Träne, jeder Fluss, jeder Körper, der darin verschwindet. Timo war nicht allein am Wehr. Mara, der Mann, der damals den Notablass geöffnet hat, ist heute Direktor der Wasserbehörde.“
Mara spürte, wie die Welt kurz kippte.
Nico sah sie an. „Du bist blass.“
„Wer leitet die Wasserbehörde?“
„Dr. Veit Arendt. Er kommt heute nach Mirr.“
Mara kannte den Namen. Jeder kannte ihn. Arendt war das Gesicht der neuen Wassergesetze, der Mann, der im Fernsehen versprach, Ordnung in die Dürre zu bringen. Ein Heiliger in grauem Anzug.
Und vielleicht ein Mörder.