Als Mara Kessler das alte Diensthandy ihrer Schwester einschaltete, war sie seit sieben Jahren überzeugt, dass sie Lina hasste.
Der Akku war aufgebläht, das Display gesprungen wie dünnes Eis, und dennoch erwachte das Gerät mit einem heiseren Summen. In der Küche ihrer Mutter roch es nach kaltem Kaffee, Desinfektionsmittel und der Trauer, die niemand aussprach. Vor drei Stunden hatte ein Mann vom Küstenschutz angerufen: Linas Forschungsboot sei leer vor der Salzbarriere von Neuhafen gefunden worden. Kein Blut. Keine Leiche. Nur eine nasse Jacke, ein Notizbuch ohne Seiten und dieses Telefon.
Mara hatte nicht geweint. Nicht beim Anruf. Nicht im Zug. Nicht, als ihre Mutter mit zittrigen Fingern Linas Namen in den Ärmel ihres Pullovers murmelte, als wäre er ein Gebet.
Dann erschien auf dem Display eine ungelesene Nachricht.
„Voicemail 1 von 9.“
Mara presste den Daumen auf Abspielen.
Linas Stimme war leise, vom Wind zerfasert. „Mara, wenn du das hörst, hast du wieder gesagt, dass du mit mir nichts zu tun haben willst. Gut. Dann weiß ich, dass du noch lebst. Hör mir zu: Geh nicht zur Polizei. Geh nicht zu Mutter. Und vor allem: Vertrau keinem, der behauptet, ich sei tot.“
Mara erstarrte.
Im Hintergrund der Aufnahme klirrte etwas, als würden Flaschen gegeneinanderschlagen. Dann ein dumpfer Schlag. Lina atmete schwer.
„Du musst nach Mirr gehen. Zur schwimmenden Oase. Frag nach dem Jungen mit der silbernen Hand. Sag ihm: Der Regen erinnert sich.“
Die Nachricht endete.
Mara starrte auf das Telefon. Mirr war kein Ort für normale Menschen. Die schwimmende Oase lag hinter der Trockengrenze, dort, wo früher ein Binnenmeer gewesen war und heute Salzstürme über gestrandete Schiffe krochen. In Mirr lebten Händler, Schmuggler, Wasserprediger und die Leute, die von den Konzernen offiziell nicht existierten.
Ihre Mutter trat in die Küche. „War das Lina?“
Mara schloss instinktiv die Hand um das Telefon. Zu schnell. Zu schuldbewusst.
„Nur alte Dateien“, log sie.
Ihre Mutter sah sie an, und in diesem Blick lag alles, was seit Jahren zwischen ihnen faulte: der Unfall des kleinen Timo, Maras Weggang, Linas Entscheidung, bei der Mutter zu bleiben, die unausgesprochene Frage, welche Tochter damals feiger gewesen war.
Da vibrierte das Telefon erneut.
„Voicemail 2 von 9.“
Diesmal hörte Mara sie allein im Flur ab.
„Mara“, flüsterte Lina, „Timo ist nicht so gestorben, wie sie es dir erzählt haben.“
Mara riss die Tür auf, als bräuchte sie plötzlich Luft. Draußen peitschte Regen gegen die Fensterscheiben. Der erste echte Regen seit sechs Wochen.
Und mit ihm kam die Erinnerung zurück: Timo, acht Jahre alt, Linas und Maras kleiner Bruder, der am Flussufer gespielt hatte. Ein Sirenentest. Ein geöffnetes Wehr. Ein Körper, den man erst zwei Tage später fand.
Mara hatte Lina die Schuld gegeben, weil Lina an diesem Tag auf ihn hätte aufpassen sollen.
Lina hatte nie widersprochen.
Jetzt sagte ihre Stimme aus dem toten Telefon: „Ich habe gelogen, damit du gehen kannst.“
Dann brach die Aufnahme ab.