Sie verließen Dornheim vor Sonnenaufgang auf einem Sandsegler, den Tavi angeblich gewonnen, tatsächlich aber gestohlen hatte. Das Gefährt glitt auf breiten Kufen über die verkrustete Steppe, sein Segel fing den heißen Morgenwind wie ein hungriger Vogel. Mara hatte noch nie die Stadtgrenzen überschritten. Sie hatte immer geglaubt, die Welt ende dort, wo die letzten Schienen im Salz verschwanden.
Am zweiten Tag sahen sie Wasser.
Es lag blau und ruhig zwischen weißen Dünen, von Palmen umstanden, so schön, dass Mara fast vom Segler sprang. Tavi riss sie zurück.
„Nicht hinsehen.“
„Das ist Wasser!“
„Das ist Erinnerung an Wasser. Die Steppe zeigt dir, was du am meisten brauchst.“
Mara wollte widersprechen, doch plötzlich stand Nio am Ufer. Nicht als Stimme, sondern als Körper: barfuß, lachend, die Haare voller Staub wie früher, als sie heimlich in den Gütertunneln gespielt hatten.
„Mara!“, rief er. „Du bist spät.“
Ihr Herz verriet sie. Sie lief.
Tavi warf ihr eine Metallspule nach, die sich um ihr Handgelenk schloss und einen schmerzhaften Stromstoß abgab. Mara fiel ins Salz. Das Wasser verschwand. Nio auch. Zurück blieb eine Grube voller bleicher Knochen, die halb im Sand steckten.
„Noch einmal so etwas“, sagte Tavi, „und ich binde dich an den Mast.“
Mara schlug ihn. Nicht stark, aber genug, dass er schwieg.
In der Nacht erzählte er endlich von der Oase. Elyr sei kein Ort, sondern ein Vertrag. Wer sie finde, dürfe trinken, aber nur, wenn er eine Erinnerung in den Brunnen werfe. Die Sammler hätten daraus ein Geschäft gemacht. Sie nähmen Menschen ihre schmerzhaftesten Erinnerungen ab und verkauften sie an jene, die Macht über Schmerzen suchten.
„Und Nio?“
Tavi zog die Knie an die Brust. „Er wollte die Erinnerungen befreien. Alle. Auch meine. Er glaubte, wenn der Brunnen überläuft, bricht das Tor zum Glashafen auf. Aber er hat nicht verstanden, dass manche Erinnerungen eingesperrt sind, weil sie sonst jemanden zerstören.“
„Wen?“
Der Stimmenspeicher antwortete an seiner Stelle.
„Mich“, sagte Nios Stimme. „Und vielleicht dich.“
Mara spürte Kälte, obwohl die Nacht warm war. Am Horizont erhob sich ein blauer Schimmer. Keine Fata Morgana. Eine Oase, kreisrund wie ein Auge, öffnete sich in der Wüste.
Und am Rand standen die Männer mit den weißen Handschuhen, als hätten sie die ganze Zeit gewartet.