Der Junge nannte sich Tavi. Er war höchstens vierzehn, trug eine viel zu große Seemannsweste und hatte die unverschämte Ruhe eines Menschen, der schon vor der Geburt mit Gefahren verhandelt hatte. Er führte Mara durch Hinterhöfe, über Dächer und schließlich in den Bauch eines stillgelegten Straßenwagens.
„Warum wirfst du keinen Schatten?“, fragte Mara, kaum dass sie Luft bekam.
„Weil ich meinen verkauft habe“, sagte Tavi.
Mara starrte ihn an.
„Nicht freiwillig“, fügte er hinzu. „Im Glashafen nehmen sie dir etwas ab, bevor du eintreten darfst. Manche verlieren ihre Stimme, manche ihren Namen, manche die Erinnerung an ein Gesicht. Ich habe meinen Schatten verloren.“
Der Stimmenspeicher knackte. Nios Stimme erklang erneut, diesmal leiser.
„Tavi kennt den Weg. Aber er lügt, wenn er sagt, er wolle nur helfen. Frag ihn nach der Oase.“
Tavi verzog das Gesicht. „Dein Bruder war schon immer zu direkt.“
Mara packte ihn am Kragen. „Du kennst Nio?“
„Er hat mir das Leben gerettet. Dann hat er meins benutzt, um seines zu riskieren.“
Draußen glitten die Männer mit den weißen Handschuhen vorbei. Ihre Schritte machten kein Geräusch. Tavi drückte Mara hinter eine zerrissene Sitzbank. Einer der Männer blieb direkt vor dem Wagenfenster stehen. Seine Augen bewegten sich nicht, doch seine Nase hob sich, als könne er Gedanken riechen.
„Sie sind keine Stadtwache“, flüsterte Mara.
„Nein. Sammler. Sie arbeiten für das Archiv der Durstigen.“
Der Name war in Dornheim nur ein Märchen gewesen: eine geheime Gesellschaft, die Erinnerungen sammelte, um damit Kriege zu verhindern, Könige zu erpressen und Liebende zu brechen. Mara hatte nie daran geglaubt. Doch sie hatte auch nie geglaubt, dass ein Junge ohne Schatten in einem Straßenwagen auf sie warten würde.
Tavi zeigte ihr eine zerknitterte Karte. Darauf war die Salzsteppe eingezeichnet, dann eine leere Fläche, dann ein Kreis aus blauer Tinte.
„Die Oase von Elyr“, sagte er. „Dort steht das Tor zum Glashafen. Dein Bruder steckt dahinter fest.“
„Warum kommt er nicht zurück?“
Tavi schwieg zu lange.
Der Stimmenspeicher rauschte. Eine dritte Nachricht begann, aber diesmal hörte Mara nicht nur Nio. Im Hintergrund weinte jemand. Ein Kind vielleicht. Oder viele.
„Mara, wenn du mich findest, darfst du mir nicht sofort glauben. Ich habe etwas getan, das ich nicht zurücknehmen kann.“
Dann brach die Nachricht ab.
Tavi sah weg. Mara begriff, dass der Weg zu Nio nicht nur durch die Wüste führte, sondern durch eine Schuld, die alle außer ihr bereits kannten.