Mara Kest arbeitete dort, wo andere Menschen ihre Vergangenheit wegwarfen: in der Reparaturhalle unter dem alten Bahnhof von Dornheim. Zwischen zerbrochenen Holo-Rahmen, ausrangierten Wettergläsern und mechanischen Singvögeln flickte sie Geräte, die eigentlich niemand mehr brauchte. Nur eine Sache reparierte sie nie: den kleinen schwarzen Stimmenspeicher ihres Bruders Nio.
Nio war vor drei Jahren verschwunden. Nicht gestorben, nicht begraben, nicht verabschiedet. Einfach verschwunden, nachdem er behauptet hatte, jenseits der Salzsteppe gebe es einen Hafen aus Glas, in dem Schiffe ohne Wasser anlegten. Mara hatte gelacht. Ihre Mutter hatte geweint. Am nächsten Morgen war Nios Bett leer gewesen, und auf seinem Tisch lag nur der Stimmenspeicher mit einer gesprungenen Ecke.
An diesem Abend, als draußen roter Staub gegen die Bahnhofsscheiben peitschte, erwachte das Gerät zum ersten Mal von selbst.
„Mara“, sagte Nios Stimme. Rauschend, heiser, aber unverkennbar. „Wenn du das hörst, bin ich näher bei dir, als du glaubst. Geh nicht zur Stadtwache. Vertraue niemandem mit weißen Handschuhen. Und such den Jungen, der keine Schatten wirft.“
Mara ließ den Schraubenzieher fallen.
Die Nachricht war nicht gespeichert gewesen. Sie war neu. Der Zeitstempel zeigte: heute, 19:07 Uhr. Vor vier Minuten.
Sie rannte nach Hause, doch bevor sie die Treppe zu ihrer Dachkammer erreichte, warteten zwei Männer im Flur. Weiße Handschuhe, graue Mäntel, höfliche Gesichter.
„Mara Kest?“, fragte der Ältere. „Wir untersuchen illegale Frequenzkontakte. Geben Sie uns das Gerät, und niemand wird verletzt.“
Mara dachte an Nios Warnung. Dann an seine letzten Worte vor dem Verschwinden: Wenn die Welt dir eine Tür zeigt, prüf zuerst, wer den Schlüssel bezahlt hat.
Sie schleuderte eine Handvoll magnetischer Schrauben gegen die Flurlampe. Das Licht platzte. Im Dunkeln sprang sie über das Geländer in den Wäscheaufzug, rutschte drei Stockwerke hinab und landete zwischen nassen Laken. Hinter ihr hallten Schritte.
Auf der Straße griff sie nach dem ersten Arm, den sie erwischte, um nicht zu stürzen. Es war der Arm eines schmalen Jungen mit silbernen Augen. Unter der Laterne stand er klar und deutlich.
Aber auf dem Boden lag kein Schatten.
Er sah auf den Stimmenspeicher in ihrer Hand und flüsterte: „Endlich. Dein Bruder hat dich also erreicht.“