Der Schacht endete in einer Höhle, die so groß war, dass Niko den Himmel darin vermisste.
Velora lag unter der Erde, aber sie war nicht dunkel. Flüsse zogen sich wie leuchtende Adern durch Terrassen aus schwarzem Stein. Häuser wuchsen in die Wände hinein, mit Fenstern aus Muschelschalen und Brücken aus geflochtenem Metall. Überall tropfte Wasser, sang Wasser, antwortete Wasser.
Oder vielleicht sah Niko nur Bruchstücke davon. Das meiste der Stadt blieb hinter Dampf, Felsvorsprüngen und herabfallenden Wasserfäden verborgen. Was er wirklich sah, waren drei Dinge: eine enge Wartungsrinne aus nassem Metall, die unter ihnen in die Tiefe führte; weit entfernt ein runder Platz, auf dem ein Brunnen wie ein Auge glänzte; und über allem wandernde Reflexe an den Höhlenwänden, als würde eine zweite, größere Stadt im Wasser hängen.
Menschen lebten dort. Nicht viele, vielleicht tausend. Sie trugen Kleidung aus dünnen, schimmernden Fasern. Einige hatten blaue Muster auf den Armen, aber nicht wie die Hände der Männer oben. Diese Muster bewegten sich, als läge Licht darunter.
„Die Markierungen bedeuten, dass sie an die Quellen gebunden sind“, erklärte Tessa. „Sie können Wasser lenken. Nicht zaubern. Erinnern. Wasser vergisst nichts, wenn man weiß, wie man fragt.“
Niko wollte antworten, doch beim Abstieg von der letzten Sprosse streifte seine Hand einen Tropfen, der von der Decke fiel.
Die Höhle verschwand.
Er stand plötzlich in einer Küche, die nach warmem Brot und nassem Asphalt roch. Sein Vater lachte irgendwo hinter ihm, zu laut, zu lebendig. Dann ein Kreischen von Reifen. Glasregen. Ein Arm, der nach jemandem griff und ins Leere fasste. Niko hörte Mara als Kind weinen, aber sie war nicht im Auto, sie stand am Straßenrand in einem gelben Regenmantel, viel zu klein, und sagte immer wieder: „Ich hab’s nicht festhalten können.“
Dann war Velora wieder da.
Niko keuchte. Seine Knie schlugen gegen Metall.
Tessa packte ihn am Ellbogen. „Nicht anfassen, wenn es dich nicht ruft.“
„Was war das?“
„Eine Erinnerung, die im Wasser hängen geblieben ist.“
„Meine?“
Tessa sah auf den Tropfen, der über Nikos Handrücken lief, als hätte er ihn verbrannt. „Vielleicht nicht nur deine.“
Ein Mann, der an der Wartungsrinne saß und Netze aus dünnem Kupfer flickte, hob den Kopf. Sein linkes Auge war milchig, die Haut darunter von feinen blauen Linien durchzogen.
„Oben nennen sie es Wasser“, sagte er heiser. „Bei uns nimmt es Gesichter mit.“
Tessa blieb kurz stehen. „Ruvan.“
Der Mann nickte ihr nicht zu. Sein Blick blieb an Niko hängen. „Meine Frau hat drei Jahre an Schleusenhusten gelitten. Jedes Mal, wenn oben jemand die Brunnen aufdrehte, kam unten schwarzes Wasser aus ihrer Lunge.“
Niko hatte keine Antwort.
Ruvan zog den Kupferfaden durch das Netz. „Wenn du wegen des Mädchens gekommen bist, beeil dich. Die Schleusen träumen schlecht, seit sie dort unten hängt.“
Tessa führte ihn weiter.
Da sprang jemand von einer Mauer direkt vor seine Füße. Er war kaum zwanzig, schmal, mit Locken wie verbranntes Stroh und hielt ein Messer aus Glas. Um seinen Hals hing ein roter, ausgefranster Schal, viel zu hell für diesen Ort.
„Oberweltler“, fauchte er.
„Ruhig, Jorin“, sagte Tessa.
Der junge Mann sah Niko an, als hätte der persönlich die Sonne gestohlen. „Seine Schwester hat den Spiegelbrunnen geweckt. Wegen ihr sind die Schleusen krank.“
Niko packte ihn am Kragen. „Wo ist Mara?“
Jorin grinste, obwohl seine Knie zitterten. „In jedem Tropfen, wenn du lang genug weinst.“
Tessa riss Niko zurück. „Er ist ihr Führer gewesen.“
„Er?“ Niko sah den jungen Mann an. „Du hast sie allein gelassen?“
Jorins Gesicht veränderte sich. Wut brach auf und darunter lag Schuld. Seine Finger schlossen sich um den roten Schal. „Sie hat mich weggeschickt. Sie sagte, ihr Bruder würde sonst sterben.“
Der Rekorder piepte. 02_JORIN.
Mara: „Niko, wenn du Jorin triffst, sei nicht gemein zu ihm. Er tut nur so, als wäre er aus Stein. Er hat mir den Weg zum Archiv gezeigt. Dort liegen die ersten Verträge. Dort steht, warum unsere Stadt oben verdurstet.“
Niko schluckte.
Jorin starrte auf den Rekorder, als hätte Maras Stimme ihm ins Gesicht geschlagen. Für einen Augenblick senkte sich die Spitze seines Messers.
„Das Archiv liegt unter dem alten Pumpenhaus“, sagte Jorin leiser. „Nicht da, wo die Oberen suchen. Tiefer. Da, wo das Wasser nicht mehr singt.“
„Was soll das heißen?“, fragte Niko.
Jorin sah an ihm vorbei in die Dunkelheit unter den Stegen. Für einen Moment wirkte er nicht trotzig, sondern horchend.
„Dass es Angst hat“, sagte er. „Wasser hat keine Angst. Nicht so.“
Tessa führte sie durch Veloras Gassen zum Spiegelbrunnen, einem runden Becken in der Mitte der Stadt. Der Weg dorthin war keine Straße, eher ein schmaler Wartungsgang zwischen Rohren, Stein und Wasser. Hinter Wänden hörte Niko Stimmen, Schritte, das Klirren von Geschirr, ein Kind, das lachte, und sofort zum Schweigen gebracht wurde. Die Stadt selbst zeigte sich nur in Ausschnitten: ein Fenster im Fels, eine Hand hinter einem Vorhang aus Tropfen, ein blauer Lichtstreifen unter einer Tür.
Dann öffnete sich der Gang zur Spiegelbrunnen-Plaza.
Das Wasser im Brunnen war glatt wie Glas, obwohl von oben Tropfen fielen. Am Rand knieten drei alte Frauen, ihre Hände bis zu den Ellbogen im Wasser. Ihre Augen waren milchig.
„Die Hüterinnen“, flüsterte Jorin. „Sie hören die Strömungen.“
Eine der Frauen hob den Kopf. „Der Bruder ist gekommen.“
Niko trat vor. „Wo ist Mara?“
Die Hüterin zog die Hände aus dem Becken. Auf ihrer Haut bildeten sich Bilder aus Wasser: Mara, wie sie in einer Halle voller schwebender Tropfen stand; Mara, wie sie einen Kristallzylinder öffnete; Mara, wie sie schrie, ohne dass Ton herauskam.
Hinter ihr flackerte ein Raum auf, nicht aus Stein, sondern aus Regalen, Röhren und schwebenden Wasserkugeln. In jeder Kugel bewegte sich ein anderes Gesicht. Einige lachten. Einige schrien. Einige waren so alt, dass sie nur noch aus Licht bestanden.
„Das Erinnerungsarchiv“, sagte Tessa.
Die Hüterin schloss die Finger. Das Bild verformte sich. Für einen Atemzug sah Niko Pergament unter Wasser. Schwarze Schrift, die wie Aale auseinanderwich.
... erste Bindung der Quellen ...
... Blutlinie Klee ...
... mindestens zwei Erinnerungen, frei gegeben ...
Die Worte zitterten. Dann klärten sie sich, als der Tropfen auf Nikos Handrücken erneut kalt wurde.
... eine von oben ...
... eine von unten ...
... freiwillig gegeben, nicht genommen ...
Dann schob sich eine dunklere Schrift darüber, härter, neuer, wie mit einer Nadel ins Wasser geritzt.
... Schmerz hält. Schmerz öffnet. Schmerz ersetzt.
Tessa sog scharf Luft ein.
Niko sah sie an. „Was war das?“
„Der Vertrag“, sagte die Hüterin. „Und das, was Saven daraus gemacht hat.“
Der Name senkte sich über den Platz wie kaltes Metall.
Jorin spuckte ins Wasser neben den Brunnen. „Saven nennt es Ankerrecht.“
„Er sagt, nur Schmerz bindet stark genug“, sagte Tessa. „Ein Schmerzanker für jede Schleuse. Eine Blutlinie oben, ein Körper unten.“
Die Hüterin lachte nicht, aber ihr Mund zitterte. „Er sagt vieles. Männer mit trockenen Händen sagen immer vieles über Wasser.“
Sie hob ihre eigenen Hände höher. Die blauen Muster auf ihrer Haut krochen bis zu den Narben an ihren Handgelenken.
„Ich war siebzehn, als ich unterschrieb“, sagte sie. „Nicht für Gold. Nicht für Macht. Für Regen. Man sagte uns, eine Erinnerung sei ein kleiner Preis, wenn dadurch Kinder trinken können. Ich gab den letzten Morgen mit meiner Mutter. Freiwillig. Ich dachte, ich rette Velora.“
Ihre blinden Augen richteten sich auf Niko.
„Am nächsten Tag wusste ich nicht mehr, wie sie gesungen hat. Nur noch, dass etwas fehlte. Saven machte daraus ein Gesetz. Dann eine Maschine. Dann eine Kette.“
Niko verstand nur Bruchstücke. „Anker wofür?“
Tessa antwortete nicht.
Die Hüterin schon: „Damit Wasser nach oben verkauft werden kann, muss unten jemand den Schmerz tragen. Mara löste die alte Bindung, aber sie setzte sich selbst an ihre Stelle. Seitdem hält sie die Schleusen offen. Wird sie befreit, versiegt Velora. Bleibt sie, stirbt sie langsam.“
Niko drehte sich zu Tessa. „Du wusstest das.“
Tessa senkte den Blick. „Ich wusste, dass jemand gebunden ist. Nicht, dass es Mara war.“
„Lügnerin.“
„Nicht jede Lüge ist ein falscher Satz“, sagte die Hüterin leise.
Niko sah wieder in das Wasser. Die schwarze Schrift unter der Oberfläche wand sich, als wollte sie sich vor ihm verstecken.
„Warum steht meine Familie da?“, fragte er. „Blutlinie Klee.“
Die Hüterin legte eine nasse Hand auf den Rand des Brunnens. Das Wasser zog sich zu einem dünnen Ring zusammen, klar wie Glas.
„Weil die erste Bindung mit Klee-Blut versiegelt wurde. Nicht als Opfer. Als Zeuge. Ohne diese Linie bleibt der alte Text stumm. Mit ihr kann er wieder gelesen werden.“
Nikos Finger schlossen sich um den Rekorder in seiner Jackentasche.
„Gelesen“, sagte er. „Nicht gebrochen.“
„Lesen ist der Anfang“, sagte die Hüterin. „Brechen ist Gewalt. Gewalt macht Saven stärker. Der alte Vertrag kann nur neu geschrieben werden, wenn das Wasser freie Erinnerungen bekommt. Nicht zwei als Zahl. Mindestens zwei als Brücke: eine von oben, eine von unten. Freiwillig. Erinnert. Gegeben.“
Jorin sah zur Seite.
Tessa schwieg.
Niko hörte Maras Stimme noch einmal aus dem Rekorder, dünn und fern: Dort liegen die ersten Verträge.
„Und wenn nur eine Seite gibt?“, fragte er.
„Dann trinkt der Vertrag sie aus“, sagte die Hüterin. „So begann alles.“
Da färbte sich der Spiegelbrunnen schwarz.
Eine Stimme stieg aus dem Wasser. Nicht Maras. Die des Mannes mit den blauen Händen.
„Nikolas Klee“, sagte sie. „Deine Anwesenheit wurde registriert. Übergib den Rekorder und komm zum Westtor. Im Gegenzug erhältst du deine Schwester. Lebend.“
Im Wasser erschien Mara. Blass, an einen Kreis aus Licht gefesselt, die Augen offen.
Sie flüsterte: „Niko, bitte. Tu es nicht.“
Dann lächelte sie plötzlich, aber es war nicht ihr Lächeln.
„Oder doch“, sagte sie mit fremder Stimme. „Wenn du sie wirklich liebst.“
Der Brunnen zerbarst in tausend Tropfen.