Niko kannte die toten Gassen von Lichtenried besser als jeder Fremde. Er war Kurier gewesen, seit ihr Vater im Steinbruch verunglückt war und ihre Mutter nur noch mit den Fenstern sprach. Er wusste, welche Hinterhöfe offen standen, welche Dächer sein Gewicht trugen und welche Hunde bellten, aber nicht bissen.
Der Mann mit den blauen Händen folgte nicht schnell. Das machte ihn schlimmer.
An der alten Molkerei riss Niko eine rostige Tür auf und stürzte hinein. Früher hatten hier Kühlmaschinen gedröhnt. Jetzt hing Staub in der Luft, dick wie Tuch. Zwischen kaputten Fliesen wartete eine Gestalt mit einer Petroleumlampe.
„Du bist spät“, sagte eine Frauenstimme.
Niko hob eine Eisenstange, die er unterwegs gegriffen hatte. „Wer bist du?“
„Jemand, der deiner Schwester geglaubt hat.“ Die Frau trat ins Licht. Sie war ungefähr vierzig, mit kurzem silbernem Haar und einer Narbe, die vom Ohr bis zum Kinn verlief. Auf ihrer Jacke steckte ein Abzeichen: ein zerbrochener Kreis, von drei Linien durchkreuzt.
Niko hatte dieses Zeichen schon gesehen. An Wänden. Auf zerrissenen Flugblättern. Die Behörden nannten sie Brunnenräuber.
„Ihr seid die Leute, die Leitungen sprengen“, sagte er.
„Wir sprengen Lügen“, erwiderte sie. „Ich heiße Tessa Var. Mara hat mir geholfen, die Stimmen zu kartieren.“
„Welche Stimmen?“
Tessa zeigte auf den Boden. Dort war unter Dreck eine Metallklappe verborgen. Als sie sie öffnete, schlug kühle Luft herauf. Nicht muffig. Feucht.
Niko sah automatisch zur Wand. Über den gesprungenen Fliesen klebte noch ein städtisches Plakat: JEDER TROPFEN IST EIN OPFER. DARUM SPARE. Darunter schwitzte ein dickes, zugemauertes Rohr. An der Naht stand Wasser, klar und unmöglich, und sammelte sich Tropfen für Tropfen in einer rostigen Rinne.
Tessa hielt die Lampe näher an das Rohr. „Sie haben die Zuflüsse versiegelt. Nicht trockengelegt. Versiegelt.“
Hinter dem Mauerwerk rauschte etwas. Leise, stetig, wie Atem.
„Lichtenried steht auf einer zweiten Stadt“, sagte Tessa. „Sie heißt Velora. Versiegelt vor hundert Jahren. Unten läuft Wasser.“
Niko lachte einmal, hart und ungläubig. „Das ist Wahnsinn.“
„Ja. Deshalb funktioniert es.“
Der Rekorder knackte. Eine neue Datei erschien: 01_SALZTOR.
Mara: „Wenn Tessa dich findet, hör ihr nicht sofort zu. Sie hat den Blick von Leuten, die immer den Ausgang zählen. Zwei links, einer oben, einer im Boden, stimmt’s, Tessa? Sie verschweigt dir etwas. Mehr als eine Sache. Aber ohne sie kommst du nicht runter.“
Tessa verzog keine Miene. Nur ihre Hand ging kurz an die Narbe am Kinn, als müsste sie prüfen, ob sie noch da war.
Niko starrte sie an. „Was verschweigst du?“
„Dass Mara nicht entführt wurde.“ Tessa griff nach der Leiter in den Schacht. „Sie ist freiwillig gegangen.“
Der Satz traf Niko brutaler als jede Drohung. Mara, die immer versprach, ihn nie allein mit der Mutter zu lassen. Mara, die heimlich Brotreste sammelte, weil Niko oft vergaß zu essen. Freiwillig?
„Du lügst.“
„Sie wollte Beweise holen. Gegen den Rat der Alten. Gegen meinen Rat.“ Tessas Stimme blieb knapp, aber etwas darin riss an den Kanten. „Vor allem gegen Siva Arendt. Eine der Hüterinnen unten. Siva spricht, als würde sie jeden Satz erst gegen einen Stein schlagen, damit nur das Nötigste übrig bleibt. Sie hat Mara gewarnt.“
„Hüterinnen?“
„Die, die sich an Velora erinnern, obwohl Velora ihnen alles nimmt.“ Tessa sah kurz zum schwitzenden Rohr. „Siva hat vergessen, wie die Stimme ihrer Mutter klang. Aber jedes alte Schleusenlied kennt sie noch. Das ist der Preis dort unten: Die Stadt behält, was sie brauchen kann.“
Niko wollte fragen, ob das wieder eine Lüge war, eine Legende, ein Trick, irgendetwas, das einfacher zu hassen war.
Tessa ließ ihm keine Zeit.
„Und dann hat Velora die Tore geschlossen.“
Der Rekorder rauschte, als hätte jemand mit nassen Fingern über das Mikrofon gestrichen.
Mara: „Ich weiß, wie das klingt, Niko. Nach Heldinnenquatsch. Nach: Mara rennt in einen Tunnel und lässt dich mit Mutters Topfpflanzen zurück, die alle Namen haben und alle vorwurfsvoll sterben. Aber ich konnte dieses alte Leben nicht mehr ertragen. Nicht nur wegen der Dürre. Wegen der Art, wie alle so taten, als wäre Schrumpfen eine Tugend. Weniger trinken. Weniger fragen. Weniger wollen. Ich wollte nicht weniger werden.“
Niko presste den Rekorder an seine Brust, als könnte er sie damit festhalten.
Mara: „Und ja, ich wollte Mutter helfen. Natürlich wollte ich das. Ich wollte ihr Wasser bringen, echtes Wasser, genug, dass sie wieder uns ansieht und nicht die leeren Fenster. Aber ich wollte auch weg. Einmal nicht die Vernünftige sein. Einmal eine Tür öffnen, ohne vorher auszurechnen, was du zum Abendessen kriegst. Du darfst dafür wütend auf mich sein. Schreib es auf meine lange Liste. Direkt unter: singt schief und klaut die knusprigen Kartoffeln.“
Tessa sah zur geschlossenen Hallentür. „Keine Zeit.“
„Du hast gesagt, mehrere Sachen“, sagte Niko. „Was noch?“
Tessa atmete einmal ein. Kurz. Kontrolliert.
„Archivzugang“, sagte sie. „Velora lässt nicht jeden hinein. Bestimmte Türen reagieren auf Blutlinien. Klee ist eine davon.“
Niko brauchte einen Moment, bis das Wort in ihm ankam.
„Du wusstest, dass ich ein Schlüssel bin.“
„Vermutung. Jetzt bestätigt.“ Tessa nickte zum Schacht. „Mara wusste es vielleicht. Vielleicht nicht. Sie hat schneller kombiniert als ich.“
„Und deshalb hast du auf mich gewartet? Nicht weil du ihr geglaubt hast. Weil du mich brauchst.“
„Beides.“
Niko hob die Eisenstange ein Stück höher. „Was ist noch?“
Von draußen ertönten Schritte. Mehrere.
Der Mann mit den blauen Händen sprach durch die Halle, ruhig wie ein Nachrichtensprecher: „Nikolas. Du hast zehn Atemzüge. Danach wird jeder in deiner Nähe mitschuldig.“
Tessa löschte die Lampe nicht sofort. Im flackernden Licht sah sie älter aus als vierzig.
„Ich war schon einmal unten“, sagte sie. Keine Rätsel, keine Ausflucht. Nur ein Bericht. „Rettungstrupp. Vier Leute. Mein Bruder Emil war dabei. Wir hatten eine Karte, zwei falsche Namen, einen bestochenen Schleusenwärter. Ich habe unterschrieben, dass wir umkehren, wenn die Sirenen starten. Sie starteten. Ich bin umgekehrt.“
Niko hörte die Schritte näher kommen.
Tessa fuhr fort: „Emil nicht. Die Wasserwacht nahm ihn. Blaue Hände, graue Mäntel, sauberes Protokoll. Seitdem taucht sein Name in keinem Register auf. Ich habe Mara trotzdem geholfen. Und ich habe sie nicht aufgehalten, als sie dieselbe Route nahm.“
„Warum?“
„Weil sie recht hatte.“ Tessas Blick blieb auf Niko. „Und weil ich feige genug war, jemand Jüngeren zuerst gehen zu lassen.“
Niko wich unwillkürlich einen Schritt zurück, als draußen blaues Licht unter der Tür aufflackerte. Noch bevor er die Eisenstange heben konnte, packte Tessa ihn am Ärmel und zog ihn hart hinter eine umgestürzte Kühltruhe. Zu hart. Fast grob. Ihr eigener Körper stand plötzlich zwischen ihm und dem Licht.
Für einen Augenblick sah sie nicht aus wie jemand, der einen Schlüssel bewachte. Sondern wie jemand, der ein zweites Mal dieselbe Tür zuschlagen hörte und diesmal nicht loslassen konnte.
Dann ließ sie ihn sofort wieder frei.
„Nicht ins Licht“, sagte sie leise. „Es markiert Haut.“
Der Rekorder knackte erneut.
Mara: „Siehst du? Genau das meine ich. Tessa sagt schlimme Dinge, als würde sie einen Rucksack packen: Seil, Messer, Schuld, fertig. Vertrau ihr nicht blind. Aber wenn sie sagt: duck dich, duck dich. Wenn sie sagt: lauf, lauf. Wenn sie sagt: ich habe versagt, dann hör genau hin. Leute wie sie lügen besser über Hoffnung als über Schuld.“
Draußen scharrte Metall über Stein.
Der Mann mit den blauen Händen zählte nicht laut. Das musste er nicht. Die Stille tat es für ihn.
Niko trat näher an den Schacht. Die Kälte daraus roch nach Regen und Salz.
„Was wollte Mara unten wirklich?“, fragte er. „Nicht deine Version. Ihre.“
Tessa sah auf den Rekorder.
Als hätte Mara dort gewartet, sprang die Datei weiter.
Mara: „Falls du immer noch zuhörst und nicht dramatisch gegen eine Wand getreten hast: Ich wollte die Kinder finden, von denen Siva erzählt hat. Die in Velora, die den Himmel nur als Geräusch kennen. Stell dir das vor, Niko. Regen als Decke über dir, aber kein Himmel dazu. Ich habe ihnen versprochen, dass ich ihnen einmal echtes Licht zeige. Nicht das aus den Röhren. Nicht das kranke Leuchten an den Schleusen. Morgensonne. Wolken, die aussehen wie Hunde oder kaputte Stiefel. Ja, ich weiß, du siehst nie Figuren in Wolken. Du bist da unbegabt.“
Nikos Kehle zog sich zusammen.
Mara: „Und ich wollte wissen, ob man Rainmaker sein kann, ohne jemandem zu gehören. Nicht dem Rat. Nicht den Priestern. Nicht Mutter, nicht dir, nicht einmal den Toten. Nur dem Regen selbst, falls der überhaupt Verträge liest.“
Tessa schob die Leiter in Position. „Entscheidung. Jetzt.“
„Wenn ich mitkomme“, sagte Niko, „führst du. Keine halben Wahrheiten.“
„Ich führe. Du fragst. Ich antworte, wenn es uns nicht tötet.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Das ist das Angebot.“
Blaues Licht glitt unter der Tür hindurch, dünn wie eine Klinge. Der Staub auf dem Boden wurde kreideweiß, wo es ihn berührte.
Der Mann draußen sagte: „Neun.“
Niko dachte an Maras letzte Geburtstagsnachricht auf seinem Telefon. Sie hatte gesungen, falsch und viel zu laut, und am Ende gesagt: „Wenn ich mal verschwinde, such nicht nach dem Grund. Such nach der Tür.“
„Eine Sache noch“, sagte Niko.
Tessa war schon halb im Schacht. „Kurz.“
„Wenn du mich nur wegen meines Bluts brauchst, lasse ich dich unten zurück.“
Zum ersten Mal zeigte Tessa so etwas wie ein Lächeln. Es war klein, bitter und nicht für ihn bestimmt.
„Gut“, sagte sie. „Dann lernst du schnell.“
Er stieg hinab.
Über ihnen krachte die Tür der Molkerei auf. Blaues Licht schnitt durch die Dunkelheit.
Dann fiel die Klappe zu, und Niko sank in eine Tiefe, in der der Staub von Lichtenried zu Regen wurde.