Mara Klee war seit neun Tagen verschwunden, als ihr Bruder Niko zum ersten Mal wieder ihre Stimme hörte.
Nicht am Telefon. Nicht in einem Video. Nicht aus dem Mund eines Zeugen, der sie vielleicht an der alten Busstation gesehen haben wollte. Ihre Stimme kam aus dem Brunnen hinter dem Gemeindehaus, jenem kreisrunden Loch aus hellem Stein, das seit drei Sommern trocken war und trotzdem jeden Abend von Kindern mit Münzen gefüttert wurde.
Niko war dort, weil die Polizei aufgegeben hatte, freundlich zu lügen. „Wir suchen weiter“, hatten sie gesagt, aber die Plakate mit Maras Gesicht hingen schon schief, vom Staub gelb gerändert. Die Stadt Lichtenried lag am Rand einer Steppe, die früher Felder gewesen war. Wer hier verschwand, verschwand entweder in den Salzgruben, in den Schuldnerkarawanen oder in den Geschichten der Alten.
Niko glaubte nicht an Geschichten.
Dann vibrierte sein altes Aufnahmegerät in der Tasche. Es war Maras Gerät gewesen, ein billiger Rekorder mit gesprungenem Display. Darauf hatte sie Geräusche gesammelt: Regenrinnen, fremde Dialekte, das Summen von Stromleitungen. Seit ihrem Verschwinden war er leer gewesen.
Jetzt zeigte das Display eine neue Datei: 00_KEIN_DATUM.
Niko starrte auf die Anzeige, bis die Zahlen vor seinen Augen flimmerten. Kein Empfangssymbol. Kein Kabel. Kein Datum. Er öffnete das Menü, prüfte die Speicherliste, löschte nichts, fand keinen Hinweis auf eine automatische Aufnahme. Dann drehte er sich langsam einmal um den Brunnen, suchte zwischen den Fugen nach einem versteckten Lautsprecher, nach einem Draht, nach irgendeinem lächerlichen Trick, der ihn davon abhalten konnte, an das zu glauben, was sein Körper längst begriffen hatte.
Er fand nur Staub, Münzen und trockene Spinnenweben.
Niko drückte auf Wiedergabe.
Zuerst rauschte es, als würde jemand ein Mikrofon unter Wasser halten. Dann Maras Stimme, heiser und atemlos: „Niko, wenn du das hörst, bin ich nicht tot. Aber ich bin auch nicht dort, wo du suchst. Der Brunnen ist kein Brunnen. Er ist ein Ohr. Und jemand hört mit.“
Niko erstarrte.
Aus der Tiefe des Brunnens antwortete ein zweites Geräusch: ein leises Klopfen. Dreimal. Pause. Zweimal.
Mara hatte diesen Rhythmus früher benutzt, wenn sie nachts an seine Wand klopfte, weil sie Angst vor Gewittern hatte. Drei Schläge bedeuteten: Hör mir zu. Zwei: Bist du wach? Später, in jener Sommerkinderlogik, in der Geheimnisse wichtiger waren als Schlaf, hatten sie noch ein viertes Zeichen erfunden — vier kurze Schläge als Nachklopfen, wenn ein Satz nicht wörtlich gemeint war, sondern verkehrt herum gehört werden musste.
Niko beugte sich über den Rand. Unten war nichts als Dunkelheit. Doch der trockene Stein roch plötzlich nach Regen.
„Mara!“, rief er.
Seine Stimme fiel hinab und kam nicht zurück.
Er griff nach einer losen Kiesel am Brunnenrand und warf ihn hinunter, nur um das Platschen, das Aufschlagen, irgendeinen Boden zu hören. Nichts. Kein Echo. Kein Stein. Nur dieses unmögliche Schweigen, das tiefer wirkte als ein Loch.
Stattdessen sprang die Datei weiter, obwohl Niko nichts berührt hatte. Maras Flüstern wurde schärfer: „Vertrau keinem mit blauen Händen. Nicht der Polizei. Nicht den Priestern. Und nicht mir, wenn ich dich bitte, umzukehren.“
Hinter Niko knirschte Kies.
Er fuhr herum. Auf dem Platz stand ein Mann in einem makellosen grauen Mantel. Seine Hände waren in Handschuhe gehüllt, aber an den Rändern schimmerte die Haut darunter dunkelblau, als hätte er sie in Tinte getaucht.
„Nikolas Klee“, sagte der Mann. „Du besitzt etwas, das der Stadt gehört.“
Niko schloss die Faust um den Rekorder.
Der Mann trat näher und legte zwei behandschuhte Finger auf den Brunnenrand. Für einen Atemzug wurde der helle Stein unter seiner Berührung kreideweiß. Der Geruch nach Regen brach ab, so plötzlich, als hätte jemand ein Fenster zugeschlagen.
Der Mann lächelte, als könne er das Geräusch von Angst hören. „Gib ihn mir, und deine Schwester bleibt eine Vermisste. Behältst du ihn, wird sie zur Verräterin.“
In diesem Moment wusste Niko zwei Dinge: Mara lebte. Und jeder, der behauptete, sie zu suchen, hatte sie längst gefunden.
Er rannte.