Die Glaswüste war kein Meer aus Sand, sondern eine zerbrochene Sonne. Platten aus geschmolzenem Quarz bedeckten die Ebene, spiegelten den Himmel und täuschten Wasser vor, wo nur Hitze war. Wer zu lange hinsah, sah Gesichter darin.
Maro sah Yara mit dreizehn, wie sie ihn an der Hand hielt, während ihr Vater in einem Staubsturm verschwand. Danach hatte Yara geschworen, niemals jemanden zurückzulassen. Vier Jahre später war sie gegangen, um zu studieren, und Maro hatte gelernt, dass Schwüre manchmal nur Sätze waren, die Erwachsene Kindern gaben, damit sie nachts schliefen.
Rika steuerte das Boot durch Risse im Glas. Die Muscheln am Bug läuteten bei jeder Böe.
„Der Knochengang beginnt bei Sonnenuntergang“, sagte sie. „Vorher ist er unsichtbar.“
„Eine Straße, die nur abends existiert. Praktisch.“
„Nicht Straße. Erinnerung.“
Maro wollte lachen, doch dann senkte sich die Sonne, und im Glas erschienen Linien: helle Adern, die sich zu einem Pfad verbanden. Links und rechts davon ragten bleiche Knochen aus dem Boden. Nicht menschlich. Zu groß. Rippen von Tieren, die es in keinem Archiv gab.
Rika wurde leiser. „Man sagt, hier zogen einst Wasserwale durch ein Binnenmeer. Als das Meer starb, blieben ihre Lieder im Glas.“
„Ich suche meine Schwester, keine Legende.“
„In der Wüste ist das oft dasselbe.“
In der Nacht schlugen sie Lager unter einem umgestürzten Rippenbogen auf. Rika schlief mit einer Hand am Messer. Maro konnte nicht schlafen. Er spielte die Nachrichten nicht ab. Er kannte sie bereits auswendig und hasste den Satz, den Yara nicht beendet hatte.
Gegen Mitternacht hörte er Schritte.
Ein Junge stand außerhalb des Feuerscheins. Vielleicht sechzehn, mager, mit einem Mantel aus Filtertuch. Er hob die Hände.
„Ich heiße Nio“, sagte er. „Ich war bei Yara.“
Rika war sofort wach. „Wo?“
Der Junge sah zum Horizont. „In der Grünen Kammer. Sie hat mich geschickt, weil sie wusste, dass ihr kommt.“
Maro trat vor. „Sie lebt?“
Nio zögerte zu lange.
Maro packte ihn am Kragen. „Lebt sie?“
„Ja. Aber nicht frei.“
Aus Nios Tasche fiel ein kleiner Datenzylinder. Rika hob ihn auf. Darauf prangte das Siegel des Wasserrats.
„Spion“, sagte sie.
Nio wurde blass. „Nein! Ich habe für sie gearbeitet, ja, aber ich wusste nicht, was sie tun. Sie fangen Leute mit seltenem Blut. Menschen, die Wasseradern spüren können. Yara kann es. Du vielleicht auch.“
Maro lachte scharf. „Ich repariere Uhren.“
„Du hast das Segel berührt. Es hat auf dich gehört.“
Rika sah ihn nun anders an, als wäre er keine Last mehr, sondern ein Risiko.
Nio erzählte hastig: Unter Lyr liege ein uralter Aquifer, genug Wasser für Generationen. Doch der Rat halte ihn geheim, rationiere die Stadt künstlich knapp und verkaufe Hoffnung in Tagesportionen. Yara habe Beweise gesammelt. Dann habe sie in der Wüste eine zweite Quelle gefunden, eine lebendige Oase, die das Gift aus Wasser ziehen könne. Der Rat wolle sie kontrollieren.
„Warum Sprachnachrichten?“, fragte Maro.
„Weil Schrift gefiltert wird. Stimmen nicht. Noch nicht.“
Da bebte der Boden. In der Ferne flammten Suchlichter auf. Drei Ratsschlitten glitten lautlos über das Glas.
Rika löschte das Feuer mit Sand. „Sie haben uns gefunden.“
Nio schaute Maro an. „Ich habe den Zylinder aktiviert, als ich euch sah. Ich sollte nur eure Position senden. Yara sagte, ihr Bruder würde mir trotzdem helfen.“
Maro starrte ihn an. Alles in ihm wollte den Jungen in die Dunkelheit stoßen. Stattdessen hörte er Yaras Stimme in seinem Kopf: niemanden zurücklassen.
„Ins Boot“, sagte er.
Rika riss die Augen auf. „Er hat uns verraten.“
„Dann soll er uns jetzt retten.“
Die Suchlichter erfassten den Rippenbogen. Glas splitterte unter den ersten Bolzen.