Der Trockenhafen lag dort, wo früher ein See gewesen war. Alte Stege ragten aus dem Sand wie Rippen. Schiffe lagen auf der Seite, mit bemalten Namen, die niemand mehr aussprach, weil Namen von verlorenen Dingen Unglück brachten.
Maro fand Rika Voss in einem umgedrehten Kutter, der zur Kneipe geworden war. Sie war älter als er, vielleicht vierzig, mit kurz geschorenem Haar und einer Narbe, die von der Lippe bis zum Ohr lief. Vor ihr standen drei Gläser: eines mit Wasser, eines mit klarem Alkohol und eines mit Sand.
„Ich suche die Route zum Knochengang“, sagte Maro.
Rika lachte nicht. Das machte sie gefährlicher. „Dann such dir erst ein Testament.“
Er zeigte die Metallmarke. Ihr Blick wurde hart.
„Wer gab dir das?“
„Jemand, der behauptet, mir nicht helfen zu wollen.“
Rika nahm die Marke zwischen zwei Finger. „Das Zeichen gehört zu den Schlittenbooten. Früher zogen wir damit über Salz und Glas, wenn die Winde günstig standen. Heute benutzt sie nur noch der Rat, um Dinge verschwinden zu lassen.“
„Menschen?“
„Vor allem Menschen, die Fragen stellen.“
Maro erzählte von Yaras Nachricht. Nicht alles. Den Satz mit der Quelle behielt er für sich, obwohl er nicht wusste, warum. Vielleicht, weil Yara ihn genau darum gebeten hätte: erst hören, dann hassen.
Rika führte ihn hinter die Kneipe. Unter Planen stand ein Gefährt, das wie ein Kanu aussah, aber Kufen aus Knochenstahl trug und ein Segel aus gewebtem Filterstoff. Am Bug hing ein Kranz aus bleichen Muscheln.
Das Läuten.
Maro spürte, wie seine Knie weich wurden. „Das war in der Nachricht.“
„Dann war sie auf einem Schlittenboot.“ Rika zog die Plane herunter. „Oder jemand wollte, dass du das glaubst.“
Bevor Maro antworten konnte, pfiff etwas durch die Luft. Ein Bolzen schlug in den Mast. Graumäntel stürmten zwischen den Wracks hervor.
Rika warf Maro ein Messer zu. „Kannst du kämpfen?“
„Ich kann Zahnräder sortieren!“
„Dann sortier sie schnell!“
Sie sprang ins Boot, riss eine Kurbel herum, und unter dem Rumpf erwachten magnetische Spulen mit einem tiefen Brummen. Maro stolperte hinterher. Das Segel schnappte auf. Ein Windstoß packte sie, und das Boot schoss über den Sand, so plötzlich, dass Maro gegen Rikas Rücken prallte.
Bolzen sirrten. Einer zerschnitt eine Leine. Das Segel schlug wild, das Boot drehte quer. Rika fluchte, Maro griff nach der flatternden Leine und sah dabei, dass sie nicht aus Stoff bestand. Zwischen den Fasern liefen winzige Wasseradern, lebendig wie Aale.
„Nicht anstarren! Ziehen!“
Er zog. Das Boot richtete sich auf und raste zwischen zwei toten Frachtern hindurch. Hinter ihnen krachte einer der Wasserwächter gegen einen Pfahl.
Als der Trockenhafen nur noch ein dunkler Strich war, gab Rika ihm das Messer zurück. „Deine Schwester hat Ärger mit Leuten, die nicht daneben schießen.“
Maro betrachtete die Muscheln am Bug. Jede war mit einem kleinen Zeichen versehen. Eines davon kannte er: Yara hatte es früher in seine Schulhefte gemalt, wenn sie ihn ärgern wollte. Eine Spirale mit einem Punkt in der Mitte.
„Sie war hier“, sagte er.
Rika nickte langsam. „Oder sie wollte, dass du hierherkommst.“
Da knisterte der Anrufstein in Maros Tasche. Eine zweite Nachricht spielte sich von selbst ab.
Yaras Stimme: „Wenn Rika dich mitnimmt, sag ihr, dass der Rat den Brunnen unter Lyr vergiftet hat. Und sag Maro… sag ihm, dass ich damals nicht gegangen bin, weil ich ihn nicht liebte.“
Die Nachricht brach ab. Rika starrte Maro an.
„Damals?“, fragte sie.
Maro schloss die Faust um den Stein. „Das geht dich nichts an.“
Vor ihnen begann die Glaswüste zu leuchten.