In der Stadt Lyr wachte niemand vom Regen auf. Es regnete seit elf Jahren nicht mehr. Die Menschen erwachten vom Knacken der Zisternen, vom Husten der Filtertürme und vom blechernen Ruf der Wasseruhren, die jede Familie daran erinnerten, wie viel Leben ihr für diesen Tag zustand.
Maro Tenz reparierte solche Wasseruhren. Er war siebenundzwanzig, trug immer Sand in den Schuhen und hasste alles, was mit Verschwinden zu tun hatte. Trotzdem war das Erste, was er an jenem Morgen hörte, die Stimme seiner Schwester.
„Maro“, sagte sie aus dem alten Anrufstein, der seit Monaten tot gewesen war. Ihre Stimme war dünn, überlagert von Wind. „Wenn du das hörst, bin ich nicht in der Station Nord. Sag niemandem, dass ich die Quelle gesehen habe.“
Maro ließ den Schraubenzieher fallen. Der Anrufstein gehörte ihrer Mutter, ein rundes Stück schwarzes Glas, das Nachrichten speicherte, wenn die Netze ausfielen. Seit Yara vor drei Monaten als vermisst gemeldet worden war, hatte er ihn jeden Abend berührt, obwohl er sich dafür verachtete.
Yara Tenz, Klimaforscherin, stur wie ein Dornstrauch, offiziell tot nach einem Messunfall in der Glaswüste.
Die Nachricht war acht Sekunden lang. Dann folgte ein Geräusch wie ein Atemzug unter Wasser.
Maro spielte sie wieder ab. Und wieder. Beim fünften Mal bemerkte er im Hintergrund ein leises Läuten. Nicht Metall. Nicht Glas. Eher wie Muscheln, die gegeneinander schlagen.
In Lyr gab es keine Muscheln.
Er rannte zum Archiv der Wasserverwaltung, wo die Vermisstenakten lagerten. Dort saß Kommissarin Sele Nadir hinter einer Wand aus Aktenrollen, die alle gleich rochen: Staub, Angst, Beamtenwachs.
„Meine Schwester lebt“, sagte Maro ohne Begrüßung.
Sele blickte auf, zu müde, um überrascht zu sein. „Das sagen viele.“
Er legte den Anrufstein auf ihren Tisch. Yaras Stimme erfüllte den Raum. Als das Muschelläuten erklang, veränderte sich Seles Gesicht. Nur für einen Augenblick, aber Maro sah es.
„Was ist das?“, fragte er.
„Nichts, dem du folgen solltest.“ Sie griff nach dem Stein.
Maro war schneller. „Du kennst es.“
Sele senkte die Stimme. „Es gibt eine alte Route durch die Glaswüste. Schmuggler nennen sie den Knochengang. Am Ende soll eine Oase liegen, die in keiner Karte steht. Jeder, der danach sucht, bringt Ärger zurück. Wenn er zurückkommt.“
„Dann gehe ich.“
„Du bist Uhrmacher.“
„Ich bin ihr Bruder.“
Sele sah ihn lange an. Dann schob sie ihm heimlich eine schmale Metallmarke zu. Darauf war ein Zeichen eingeritzt: ein Boot mit gebogenem Bug.
„Frag am Trockenhafen nach einer Frau namens Rika Voss. Und Maro?“
Er blieb an der Tür stehen.
„Wenn Yara dir sagt, du sollst niemandem trauen, meint sie vermutlich auch mich.“
Draußen warteten zwei Männer in grauen Mänteln vor seiner Werkstatt. Keine Kunden. Wasserwächter. Einer hielt eine Zange in der Hand, als hätte er vor, eine Uhr zu reparieren oder einen Finger zu brechen.
Maro steckte den Anrufstein in den Mund seines Werkzeugkastens und ging nicht nach Hause.