Der Konzern reagierte mit einem Wellness-Programm.
Am nächsten Morgen erhielten alle Mitarbeiter eine Einladung: „Gemeinsam durch die Krise – verpflichtende Resilienz-Session um 12 Uhr.“ Mara starrte auf die Mail und fragte sich, welcher Mensch nach einem Mord Yoga-Matten bestellte. Die Antwort stand im Absender: People & Culture, im Auftrag des Vorstands.
Der Coach hieß Armin Heller, trug Leinenhemd und Barfußschuhe und sprach mit der sanften Stimme eines Mannes, der jede Katastrophe in ein Atemmuster verwandeln konnte. „Wir lassen heute los, was uns belastet“, sagte er zu sechzig Angestellten, die auf Matten saßen und ihre Kündigungsängste einatmeten. „Schuld ist nur ein Gedanke.“
Mara beobachtete ihn. Auf seinem Handgelenk war ein schwarzer Fleck – nicht rund, nicht zufällig. Ein Tattoo, teilweise unter einem Armband verborgen. Dasselbe Zeichen wie in der Nachricht auf ihrem Handy.
Nach der Session folgte sie ihm in einen Nebenflur. Jonas kam aus der anderen Richtung, als hätten sie sich verabredet, obwohl sie es nicht hatten.
„Sie auch?“, fragte Mara.
„Er riecht nach Mandeln“, sagte Jonas.
Heller bemerkte sie, lächelte und beschleunigte. Aus dem Nebenflur wurde das Treppenhaus, aus dem Treppenhaus der Technikbereich, aus dem Technikbereich ein Kampf zwischen Aktenkisten und Reinigungswagen. Jonas holte ihn ein, aber Heller war erstaunlich schnell. Er stieß eine Tür auf und verschwand im Archivraum für Altdokumente.
Als Mara und Jonas hineinkamen, brannte der Schredder.
Papierstreifen glühten, Rauch stieg zur Decke. Heller lag am Boden, lebend, aber bewusstlos. Neben ihm eine Spritze. Auf seinem Unterarm war das schwarze Zeichen frisch nachgezogen, als hätte jemand ihn markieren wollen.
Mara kniete sich neben ihn. In seiner Hand steckte ein halb verbrannter Zettel. Sie zog ihn vorsichtig heraus.
Darauf standen drei Wörter: FALK WAR PATIENT.
Jonas wurde blass.
„Was bedeutet das?“, fragte Mara.
„Die Studie meiner Schwester“, sagte er. „Sie war nicht nur für Patienten. Es gab eine geheime Nebengruppe. Führungskräfte, Politiker, Investoren. Menschen, deren Krankenakten nie öffentlich auftauchen durften.“
Heller stöhnte. Seine Augen öffneten sich. „Nicht Falk“, flüsterte er. „Nicht nur Falk. Die Liste… die Liste ist im Gericht.“
Dann verkrampfte sein Körper. Mara rief den Notarzt, Jonas drückte Hellers Schulter auf den Boden, und der Coach, der eben noch über Schuld als Gedanken gesprochen hatte, starb mit offenem Mund zwischen brennenden Personalakten.
Am Abend wurde Jonas verhaftet.
Die Überwachungskamera zeigte ihn, wie er Heller in den Flur folgte. Sie zeigte nicht Mara. Sie zeigte nicht den Brandbeginn. Sie zeigte nur genug, um eine Geschichte zu erzählen.
Mara stand im Regen vor dem Polizeipräsidium und sah zu, wie Jonas abgeführt wurde. Er drehte sich nicht um. Vielleicht aus Stolz. Vielleicht, weil er ihr nicht auch noch seinen Blick zumuten wollte.
Ihr Handy vibrierte.
WENN DU IHN RETTEST, WIRST DU DIE NÄCHSTE MARKIERTE.
Mara löschte die Nachricht nicht. Sie leitete sie nicht weiter. Sie ging nach Hause, zog die Vorhänge zu und öffnete zum ersten Mal die Datei, die sie jahrelang gemieden hatte: die Krankenakte ihrer Mutter.
Auf der letzten Seite, neben einer unleserlichen Unterschrift, war ein kleiner schwarzer Kreis.