Die Vorstandssitzung begann um zehn und endete um zehn Uhr drei mit einem Wutanfall.
„Sie halten Ried von unseren Unterlagen fern“, sagte CEO Konstantin Falk, ein Mann mit silbernem Haar und der Wärme eines Tresors. „Er ist der feindliche Zeuge. Kein Kaffee, kein Mitleid, keine vertraulichen Gespräche.“
Mara verschränkte die Hände. „Ein Mitarbeiter ist tot. Vielleicht sollten wir weniger über Kaffee reden.“
Falks Lächeln blieb stehen, seine Augen nicht. „Genau deshalb brauchen wir Kontrolle. Sie kontrollieren Ried.“
Kontrolle war ein schönes Wort, wenn man nicht wusste, was es bedeutete.
Am Nachmittag fand Mara Jonas im Serverarchiv im Untergeschoss. Er stand vor einem alten Backup-Schrank, als hätte er auf sie gewartet. Zwischen ihnen summten Kühlsysteme. Hier unten gab es keine Pflanzenwände, keine Designerlampen, keine motivierenden Zitate. Nur Kabel, Beton und Wahrheit in verschlüsselten Schichten.
„Sie riskieren Ihre Aussage, wenn Sie hier herumschnüffeln“, sagte Mara.
„Und Sie riskieren mehr, wenn Sie mir glauben.“
„Warum sollte ich?“
Jonas öffnete seine Hand. Darin lag ein winziger schwarzer Splitter, kaum größer als ein Reiskorn. „Das ist kein Pigment. Das ist ein Polymermarker. In bestimmten Laboren benutzt man ihn, um Proben zu kennzeichnen. Vor vier Jahren starb meine Schwester nach einer Studie, deren Daten plötzlich verschwanden. Auf ihrer Patientenakte war dasselbe Zeichen.“
Mara wollte eine professionelle Antwort geben. Eine saubere, distanzierte, juristisch belastbare Antwort. Stattdessen fragte sie: „Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“
„Bin ich. Zweimal. Beim dritten Mal war meine Wohnung durchwühlt, beim vierten Mal verlor ich meinen Job.“ Er sah sie an. „Und jetzt bin ich hier, weil jemand aus Veyra endlich Angst bekommen hat.“
Mara hätte gehen sollen. Falk informieren. Jonas melden. Doch in seinem Blick lag keine triumphierende Feindschaft, sondern erschöpfte Entschlossenheit. Eine gefährliche Art von Ehrlichkeit.
Sie überprüften gemeinsam die alten Backup-Protokolle. Die AURORA-Dateien waren nicht gelöscht worden. Sie waren verschoben worden – in einen Bereich, der nur über Vorstandsauthentifizierung erreichbar war. Der Zugriff erfolgte in der Nacht, in der Vogt starb.
„Wer hatte Zugang?“, fragte Jonas.
Mara tippte. Vier Namen erschienen. Falk. Vogt. Finanzchefin Mehnert. Und Mara Seidel.
Jonas blickte zu ihr.
„Das ist unmöglich“, sagte sie.
In diesem Moment gingen die Lichter aus.
Das Notlicht tauchte den Raum in Rot. Eine Tür fiel ins Schloss. Schritte auf Beton. Jonas zog Mara hinter einen Serverschrank, seine Hand warm an ihrem Handgelenk. Sie hörte ihren eigenen Atem, zu schnell, viel zu laut.
Eine Stimme aus der Dunkelheit flüsterte: „Compliance ist auch nur ein anderes Wort für Mitwisserschaft.“
Dann klirrte Glas. Rauch füllte den Raum.
Jonas riss Mara zur Fluchttür. Sie stolperten hinaus in den Lieferkorridor, hustend, die Augen tränend. Draußen im Regen hielt Mara sich an einer Mauer fest. Jonas stand dicht vor ihr, zu dicht für einen Zeugen, zu dicht für einen Gegner.
„Jemand will Ihnen den Mord anhängen“, sagte er.
Mara lachte einmal bitter auf. „Oder Ihnen.“
„Dann sollten wir uns gegenseitig nicht aus den Augen lassen.“
Sie wusste, wie unvernünftig es war, als sie nickte. Noch unvernünftiger war, dass sie in diesem Moment nicht an den Prozess dachte, sondern daran, wie Jonas’ Hand sich angefühlt hatte, als er sie aus der Dunkelheit zog.