Als Mara Seidel am Montagmorgen den zwölften Stock der Glaszentrale von Veyra Dynamics betrat, roch es nach frisch gemahlenem Kaffee, kaltem Regen und Angst. Angst hatte in Konzernen einen eigenen Geruch: teures Parfum über Schlafmangel, Druckertoner über Panik, Pfefferminze über Lügen.
Mara war Leiterin der internen Compliance-Abteilung, zweiunddreißig Jahre alt, bekannt für ihre ruhige Stimme und dafür, dass Vorstände in ihrer Gegenwart plötzlich vollständige Sätze bildeten. Seit drei Wochen bereitete sie den wichtigsten Prozess des Jahres vor: Veyra Dynamics wurde beschuldigt, Daten aus einem öffentlichen Gesundheitsprojekt manipuliert zu haben. Wenn das Gericht die Vorwürfe bestätigte, drohten Milliardenstrafen, Entlassungen und das Ende der Firma.
Um 8:17 Uhr fand die Praktikantin aus dem Marketing den Toten.
Er lag nicht in einer dunklen Gasse, sondern im Meditationsraum, zwischen Bambusmatten und einer Schale mit polierten Kieseln. Auf seinem weißen Hemd breitete sich kein Blut aus, sondern ein kreisrunder schwarzer Fleck, tief und matt wie verschlucktes Licht. Dr. Lennart Vogt, Chef der Datenarchitektur, hatte noch am Vorabend eine interne Anhörung geschwänzt. Heute würde er nichts mehr erklären.
Die Polizei sperrte den Flur ab. Mitarbeiter standen mit Pappbechern in den Händen herum, als hätte jemand den Arbeitstag nur kurz angehalten. Mara sah den Fleck auf Vogts Brust und dachte nicht an Mord. Sie dachte an die Akte, die seit Freitag verschwunden war: Projekt AURORA, vertraulich, nur Vorstandsebene.
Dann tauchte Jonas Ried auf.
Er trug eine nasse Lederjacke, hatte dunkle Haare, einen Dreitagebart und den Blick eines Menschen, der sich angewöhnt hatte, Ausgänge zu zählen. Offiziell war er externer Systemprüfer. Inoffiziell war er der Mann, dessen Zeugenaussage den Prozess drehen konnte. Jonas hatte behauptet, er habe gesehen, wie Gesundheitsdaten nachträglich verändert worden waren. Mara sollte ihn für die Verteidigung diskreditieren.
Stattdessen fragte er sie leise: „Haben Sie den Geruch bemerkt?“
„Welchen Geruch?“
„Eisen. Und Mandeln.“
Mara sah ihn an. „Sind Sie jetzt Forensiker?“
„Nein“, sagte Jonas. „Aber ich habe denselben schwarzen Fleck schon einmal gesehen.“
Bevor sie nachfragen konnte, wurde Jonas von einem Kriminalbeamten zur Seite genommen. Mara blieb zurück, mit dem Gefühl, dass der Boden unter dem eleganten Teppich nachgab. Auf ihrem Diensthandy blinkte eine anonyme Nachricht.
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Darunter ein Foto: Mara selbst, aufgenommen durch die Glaswand ihres Büros. Auf ihrem Hals war mit digitaler Farbe ein schwarzes Zeichen markiert.