Levin Ark sah nicht aus wie ein Mörder. Das war das Gefährlichste an ihm.
Er wirkte wie jemand, der in Podcasts über innere Ruhe sprach und dabei teuren Tee trank. Seine Stimme war weich, fast tröstlich. Aber seine Augen bewegten sich nie unnötig.
„Ich weiß nicht, was Sie wollen“, sagte Mara.
„Doch“, antwortete er. „Sie wissen es seit Ihrer Kindheit. Sie haben es nur anders genannt.“
Sie griff in ihrer Manteltasche nach dem Pfefferspray.
„Das würde Sie beruhigen, aber nicht retten.“ Levin legte den Ring auf die Motorhaube. „Dr. Krenz war sentimental. Er schrieb zu viel auf. Deshalb ist er tot.“
„Von Ihnen?“
Er lächelte, als hätte sie eine unhöfliche, aber interessante Frage gestellt. „Mord ist ein großes Wort. Ich bevorzuge Korrektur.“
Mara sprühte.
Levin wich zur Seite, schneller als erwartet, aber nicht schnell genug. Er fluchte, zum ersten Mal nicht sanft. Mara rannte zum Treppenhaus. Hinter ihr hallten seine Schritte nicht. Das war schlimmer. Er ließ sie gehen.
Am nächsten Tag veröffentlichte ein anonymer Kanal ein Video: Mara, wie sie nachts mit Jonas im Archiv stand, sein Gesicht in ihren Händen. Der Titel lautete: „Die Ermittlerin und der Angeklagte – wie sauber ist die Zeugin?“
Der Konzern suspendierte sie. Die Staatsanwaltschaft prüfte Befangenheit. Ihre Wohnung wurde durchsucht. Krenz’ Notizbuch verschwand aus ihrem Safe.
Mara war plötzlich nicht mehr Ermittlerin, sondern Verdächtige in der öffentlichen Fantasie.
Kommissarin Brandt fand sie in einem Café am Donaukanal.
„Wenn ich Ihnen jetzt helfe“, sagte Brandt, „und Sie spielen mich, zerstören Sie meinen Fall.“
„Wenn Sie mir nicht helfen, zerstören Sie den falschen Mann.“
Brandt setzte sich. „Was ist NACHTFARBE?“
Mara erzählte ihr alles: die Einträge, das Mal, Jonas’ Schwester, Levin Ark. Brandt hörte zu, ohne mitzuschreiben.
„Es gab vor zwanzig Jahren eine Stiftung“, sagte die Kommissarin schließlich. „LumenCare. Offiziell: Hilfe für seltene Stoffwechselerkrankungen. Inoffiziell gab es Gerüchte über illegale Tests an Kindern aus Pflegefamilien und armen Haushalten. Keine Verurteilung. Alle Zeugen widerriefen.“
„Gekauft?“
„Oder gebrochen.“
Mara zog den Kragen leicht zur Seite. Zum ersten Mal vor einer Fremden zeigte sie das Mal. Brandt sah nicht weg.
„Sie sind kein Beweisstück“, sagte sie. „Aber vielleicht die Person, die andere Beweise findet.“
Der Wendepunkt kam durch eine tote Frau, die noch einmal sprach.
Mara erhielt eine Sprachnachricht von einer Nummer, die seit zwanzig Jahren nicht mehr existieren durfte: die alte Telefonnummer ihrer Mutter. Die Datei war digital bereinigt worden, aber die Stimme war unverkennbar.
„Mara, wenn du das hörst, hat Krenz Angst bekommen. Such nicht nach der Studie. Such nach dem Urteil, das nie gesprochen wurde. Saal 4, Archiv B, unter dem Namen Richter Havel.“
Mara hörte die Nachricht siebenmal.
Ihre Mutter hatte nicht bei einem Unfall sterben sollen. Sie hatte aussagen wollen.
Im Justizarchiv fanden Mara und Brandt eine versiegelte Kassette aus einem eingestellten Verfahren gegen LumenCare. Darin: Tonbänder, Fotos, Zeugenaussagen. Und eine Liste der Kinder.
Kind 6: Mara Voss.
Kind 9: Edda Falk.
Jonas’ Schwester.
Auf dem letzten Band war ein Gespräch zwischen Krenz und einem jungen Psychologen zu hören. Der Psychologe erklärte, wie man Zeugen mit Schuld, Angst und geführter Meditation manipulierbar mache. Wie man sie dazu bringe, ihre Erinnerung selbst anzuzweifeln.
Brandt stoppte das Band.
„Das ist Levin Ark.“
Mara nickte, aber ihr Blick hing an einem Foto aus der Akte. Es zeigte sechs Erwachsene bei der Eröffnung der Stiftung. Krenz war darauf. Ark auch.
Und neben ihnen stand ein Mann, den Mara kannte.
Senator Adrian Falk, Jonas’ Vater.