Die Polizei versiegelte Aureon noch vor Mitternacht. Am Morgen standen Kamerateams vor dem Turm, die Nachrichtensprecher sprachen von einem „Schock für die österreichische Wirtschaft“, und in den sozialen Medien hatte der Fall bereits einen Namen: Der Glasbüro-Mord.
Mara wurde sechs Stunden lang befragt.
Kommissarin Elif Brandt war keine Frau, die Tische schlug. Sie legte die Fragen ruhig hin wie Messer. „Sie waren als Letzte im Stockwerk.“
„Nein.“
„Wer war noch dort?“
Mara schwieg eine Sekunde zu lang.
„Frau Voss“, sagte Brandt, „Sie ermitteln beruflich gegen Lügner. Dann wissen Sie, wie teuer eine kleine Pause werden kann.“
Mara sagte nicht Jonas’ Namen. Nicht aus Liebe. Das behauptete sie jedenfalls vor sich selbst. Sie sagte ihn nicht, weil sie nur eine Silhouette gesehen hatte. Weil eine Silhouette keine Wahrheit war. Weil Wahrheit vor Gericht mehr brauchte als eine verletzte Erinnerung.
Doch am Abend wurde Jonas festgenommen.
Sein Kalender zeigte ein Treffen mit Krenz um 21:00 Uhr. Auf seiner Manschette fand man Blut. Und in seinem Büro lag ein matter schwarzer Ring in der Schublade, angeblich ein Erbstück.
Die Presse stürzte sich auf ihn wie hungrige Vögel.
„Der charmante Finanzchef.“
„Affäre mit Compliance-Chefin?“
„Geld, Macht, Leidenschaft – Mordmotiv im Vorstand?“
Mara schaltete alle Bildschirme ab, aber die Stimmen blieben.
Am dritten Tag erhielt sie ein Päckchen ohne Absender. Darin lag ein kleines Notizbuch mit cremefarbenem Einband. Auf der ersten Seite stand in Krenz’ Handschrift: „Achtsamkeit ist die Kunst, im richtigen Moment nicht zu zittern.“
Mara blätterte weiter.
Es war kein Tagebuch, sondern eine Anleitung. Atemübungen neben Namen. Meditationstechniken neben Summen. Zwischen Sätzen wie „den Impuls beobachten, nicht bewerten“ standen Einträge über bestochene Gutachter, verschwundene Studien und ein Projekt namens NACHTFARBE.
Auf Seite 17 fand sie ihren eigenen Namen.
„Mara Voss – Kind 6. Mal stabil. Darf nie erfahren, wer die Zeugen gekauft hat.“
Ihr wurde übel.
Kind 6.
Sie sah sich wieder als Mädchen in einem Krankenhausflur, den Geruch von Desinfektionsmittel, die Stimme ihrer Mutter, die sagte: „Wenn dich jemand nach dem Mal fragt, sag, du bist gestürzt.“ Drei Wochen später war ihre Mutter bei einem Autounfall gestorben, bei klarem Wetter, auf gerader Straße.
Mara fuhr in die Untersuchungshaftanstalt. Jonas saß ihr hinter Glas gegenüber, blasser als früher, aber nicht gebrochen.
„Hast du ihn getötet?“, fragte sie.
Er antwortete nicht sofort.
„Ich war dort“, sagte er.
Ihr Herz fiel.
„Ich habe ihn konfrontiert. Wegen NACHTFARBE. Er hat gelacht und gesagt, ich solle dich fragen, warum du nie offene Kragen trägst. Dann kam ein Anruf. Er wurde nervös. Ich bin gegangen.“
„Das Blut?“
„Er hat sich an einem Glas geschnitten. Ich habe ihm ein Tuch gegeben. Mara, jemand hat meine Manschette aus dem Wäschekorb genommen und präpariert.“
„Der Ring?“
Jonas legte die Hände flach auf den Tisch. „Nicht meiner.“
Sie wollte ihm glauben. Genau deshalb durfte sie es nicht.
„Warum hast du NACHTFARBE untersucht?“
Er sah sie an, als hätte er diese Frage gefürchtet.
„Weil meine Schwester vor zwanzig Jahren Teil einer Medikamentenstudie war. Sie hatte auch ein Mal. Nicht schwarz. Blau. Sie starb mit neun.“
Mara spürte, wie die Wand zwischen ihnen Risse bekam, aber dahinter lag nicht Vertrauen, sondern ein tieferer Abgrund.
Bevor die Besuchszeit endete, schob Jonas einen Zettel gegen die Glasscheibe. Darauf stand nur ein Name:
Levin Ark.
„Er war Krenz’ Achtsamkeitstrainer“, sagte Jonas. „Und sein Schatten.“
Am selben Abend sah Mara in der Tiefgarage des Konzerns einen Mann neben ihrem Wagen stehen. Er trug einen grauen Wollmantel, lächelte sanft und hielt einen schwarzen Ring zwischen zwei Fingern.
„Frau Voss“, sagte er. „Atmen Sie. Panik verengt den Blick.“