Mara Voss hatte gelernt, in Konferenzräumen nicht zu atmen.
Nicht, weil ihr die Luft fehlte, sondern weil jede Regung in der Zentrale der Aureon-Group als Schwäche galt. Ein zu spätes Blinzeln konnte bedeuten, dass man log. Ein zu hastiger Griff zum Wasserglas, dass man Angst hatte. Und Angst war im dreiundvierzigsten Stock aus Glas, Stahl und poliertem Basalt ein Geruch, den Vorstände so zuverlässig witterten wie Hunde Blut.
Mara war Leiterin der internen Ermittlungen, dreiunddreißig Jahre alt, stets in dunklen Anzügen, stets mit hochgeschlossenem Kragen. Niemand im Konzern wusste, warum sie nie Seide trug, nie Ketten, nie Blusen mit Ausschnitt. Niemand wusste von dem schwarzen, sichelförmigen Mal unterhalb ihres Schlüsselbeins, das aussah wie ein Brandzeichen.
Nur einer hatte es einmal gesehen.
Jonas Falk, der neue Finanzchef, der nicht neu genug war, um harmlos zu wirken, und nicht alt genug, um müde zu sein. Er war vor sechs Monaten von einem skandinavischen Energiekonzern gekommen, mit grauen Augen und einer Art, Menschen zuzuhören, als könne er ihre Sätze sehen, bevor sie sie aussprachen.
Mara hatte sich geschworen, ihn zu meiden. Dann hatte sie ihn in einer verregneten Nacht im Archiv geküsst, zwischen Kartons mit vernichteten Lieferverträgen, und seitdem war jedes Meeting ein Verhör, bei dem niemand die richtigen Fragen stellte.
An diesem Montag um 21:17 Uhr flackerte das Licht in der Vorstandsetage.
Mara blieb allein zurück, weil der Aufsichtsrat am nächsten Morgen einen anonymen Hinweis prüfen wollte: verschwundene Millionen, Scheinfirmen, medizinische Stiftungsgelder, die nie bei Krankenhäusern angekommen waren. Die Spur führte zu Dr. Albrecht Krenz, dem Vorstandsvorsitzenden, einem Mann mit samtenem Lächeln und einem Ruf, den Medien für unanfechtbar hielten.
Sie öffnete die verschlüsselte Datei auf ihrem Diensttablet. Drei Überweisungen. Ein Konto in Riga. Eine Notiz: „Zeugin sichern, bevor sie redet.“
Dann hörte sie Stimmen.
Durch die Milchglasscheibe des Vorstandszimmers erkannte sie zwei Silhouetten. Krenz, massig, mit seiner schiefen Schulter. Die andere Person stand im Schatten. Mara sah nur eine Hand, die sich hob. Einen dunklen Ärmel. Einen Ring, breit und matt.
„Du verstehst nicht“, sagte Krenz. Seine Stimme bebte. „Sie ist zurück. Die Frau mit dem Mal.“
Mara erstarrte.
Ein dumpfer Schlag. Glas splitterte nicht, aber etwas Schweres fiel. Dann ein Geräusch, das in ihrem Kopf größer wurde als der ganze Turm: das kurze, nasse Ausatmen eines Menschen, der nicht mehr weiterleben würde.
Mara trat zurück, stieß gegen einen Rollcontainer. Metall klirrte.
Die Silhouette drehte sich.
Für einen Herzschlag sah sie durch das matte Glas ein Gesicht nicht, aber eine Haltung. Groß. Schlank. Absolut ruhig.
Wie Jonas.
Mara rannte nicht. Sie ging. Langsam, kontrolliert, wie jemand, der nichts gesehen hatte. Erst im Aufzug presste sie die Hand auf die Brust, auf das Mal unter dem Stoff, das plötzlich brannte, als hätte es sich an den Namen Krenz erinnert.
Im Erdgeschoss wartete Jonas.
Sein Mantel war nass vom Regen. An seiner rechten Hand trug er keinen Ring.
„Mara“, sagte er leise. „Du solltest jetzt nicht allein nach Hause fahren.“
Sie sah auf seine Manschette. Ein dunkler Fleck kroch aus dem Stoff.
Blut oder Rotwein.
„Warum?“, fragte sie.
Sein Blick flackerte zum Fahrstuhl hinter ihr.
„Weil oben jemand tot ist.“