Elias bestand darauf, den USB-Stick nicht im Firmennetzwerk zu öffnen. Sie fuhren in seine Wohnung im dritten Bezirk, ein schmales Apartment über einem geschlossenen Fotostudio. Keine Familienbilder, keine Dekoration, nur Bücher, ein Wasserkocher und eine Yogamatte auf dem Boden.
„Sie wirken nicht wie jemand, der meditiert“, sagte Mara, während er einen isolierten Laptop startete.
„Ich habe früher nicht geschlafen. Meditation war billiger als Therapie.“
„Hat es geholfen?“
„Ich habe gelernt, Panik höflich zu begrüßen, bevor ich ihr die Tür zeige.“
Mara hätte fast gelacht. Stattdessen sah sie ihm zu, wie er die Dateien öffnete.
Auf dem Stick waren Videoausschnitte aus einem internen Testlabor. Menschen gingen durch einen weißen Korridor. Kameras erfassten ihre Gesichter, ihre Schritte, minimale Bewegungen der Schultern. Auf einer zweiten Ebene erschienen Risikowerte. Grün. Gelb. Rot.
Eine Datei trug den Namen: FELDTEST SCHWARZ.
Elias klickte.
Das Video zeigte eine nächtliche Straße in einer fremden Stadt. Eine Drohne schwebte über Dächern. Mehrere Personen wurden markiert. Eine Frau mit rotem Schal erhielt einen roten Rahmen. Sekunden später stürmten bewaffnete Männer ins Bild.
Mara hielt den Atem an.
„Das ist kein Sicherheitssystem“, sagte sie. „Das ist eine Todesliste.“
Elias’ Gesicht war aschfahl.
„Ich kenne diese Straße.“
Mara sah ihn an.
„Woher?“
Er schloss den Laptop nicht. Aber seine Hände lagen plötzlich reglos auf der Tischkante.
„Meine Schwester war Journalistin. Sie recherchierte über private Milizen. Vor zwei Jahren wurde ihr Konvoi angegriffen. Offiziell falscher Ort, falsche Zeit.“
„Und inoffiziell?“
„Jemand hat sie markiert.“
Die Stille danach war nicht leer. Sie war voller Dinge, die Mara nicht gefragt hatte. Warum Elias wirklich hier war. Wer ihn geschickt hatte. Ob er von Anfang an gewusst hatte, dass Lumen & Stahl verantwortlich sein könnte.
„Sie haben mich benutzt“, sagte sie.
„Ich habe Ihnen nicht alles gesagt.“
„Das ist die elegante Version von Lüge.“
Elias stand auf, aber Mara wich zurück.
„Ich wollte Beweise“, sagte er. „Nicht Sie.“
„Praktisch, dass ich beides bin.“
Ihr Handy klingelte. Polizeiliche Sondernummer. Mara nahm ab.
„Frau König?“ Die Stimme war sachlich. „Hier ist Oberstaatsanwältin Reiter. Wir haben eine Zeugin in Schutzgewahrsam, die behauptet, Sie hätten Beweismaterial unterschlagen. Außerdem gibt es Hinweise, dass Sie kurz vor seinem Tod Kontakt zu Noah Berendt hatten. Wir bitten Sie, morgen um acht zu erscheinen.“
Mara starrte auf den dunklen Bildschirm des Laptops. Ihr Spiegelbild sah aus wie eine Fremde.
Elias sagte leise: „Das ist eine Falle.“
„Nein“, antwortete Mara. „Das ist ein Urteil, bevor der Prozess beginnt.“
In diesem Moment klopfte es an der Wohnungstür. Dreimal. Langsam.
Elias griff nicht nach der Klinke. Er legte den Finger an die Lippen.
Unter der Tür schob sich ein weißer Umschlag hindurch.
Darin lag ein einziges Foto: Mara und Elias vor dem Laptop. Aufgenommen durch das Fenster.
Auf der Rückseite stand:
GIB DEN STICK AB, ODER DER NÄCHSTE TOD IST ACHTSAM GEPLANT.