Mara hatte Noah Berendt nur einmal getroffen. Vor neun Monaten, spät abends, Serverraum B12. Er war nervös gewesen, hatte von „schwarzen Protokollen“ gesprochen, von einem Testsystem namens ORPHEUS, das Menschen nicht nur erkennen, sondern Bewegungsmuster vorhersagen sollte. Mara hatte ihn damals an die interne Meldestelle verwiesen. Zwei Tage später war sein Zugang gesperrt worden. Eine Woche danach verschwand er.
Sie hatte sich eingeredet, es sei nicht ihre Schuld.
Elias betrachtete das Foto auf ihrem Handy länger, als ihr lieb war.
„Warum sind Sie darauf?“
„Weil ich meinen Job gemacht habe.“
„Oder weil jemand will, dass es so aussieht.“
Mara hasste, dass diese zweite Möglichkeit sie erleichterte.
Noch am selben Nachmittag bestellte CEO Viktor Lenz sie in die Vorstandsetage. Lenz war ein Mann, der nie laut werden musste, weil alle schon Angst hatten, bevor er sprach. Silbernes Haar, perfekte Manschettenknöpfe, Augen wie kalte Verträge.
„Die Staatsanwaltschaft eröffnet morgen eine Vorprüfung“, sagte er. „Wir brauchen eine klare Linie: Noah Berendt war instabil. Der angebliche Zeuge ist unglaubwürdig. Und Sie, Frau König, werden bestätigen, dass alle internen Meldungen ordnungsgemäß behandelt wurden.“
Mara spürte Elias’ Blick neben sich.
„Ich werde bestätigen, was belegbar ist“, sagte sie.
Zum ersten Mal veränderte sich Lenz’ Gesicht.
„Belegbarkeit ist eine Frage der Dokumentation. Und Dokumentation ist Ihr Bereich.“
Nach dem Termin liefen Mara und Elias schweigend zum Aufzug. Die Türen schlossen sich. Für zwölf Sekunden waren sie allein.
„Er hat Sie bedroht“, sagte Elias.
„Er hat mich erinnert, wer mein Gehalt bezahlt.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„In dieser Firma schon.“
Elias trat einen Schritt näher. Nicht genug, um unangemessen zu sein. Genug, um die Luft zu verändern.
„Warum bleiben Sie dann?“
Weil ihr Vater nach einer falschen Anschuldigung seine Kanzlei verloren hatte. Weil Mara geschworen hatte, nie wieder machtlos vor Aktenordnern zu stehen. Weil Kontrolle manchmal aussah wie Karriere.
Sie sagte nichts davon.
Am Abend verließ Mara das Büro erst nach Mitternacht. Im Parkhaus flackerte das Licht. Neben ihrem Wagen stand eine Frau mit Kapuze. Rot blitzte an ihrem Hals auf – ein Schal.
Mara blieb stehen.
„Sind Sie die Zeugin?“
Die Frau hob langsam den Kopf. Sie war kaum älter als fünfundzwanzig, blass, mit einer Narbe über der linken Augenbraue.
„Ich bin nicht die Zeugin“, sagte sie. „Ich bin die, die überlebt hat.“
Dann drückte sie Mara einen USB-Stick in die Hand.
„Wenn Sie ihn öffnen, gibt es kein Zurück. Wenn Sie ihn nicht öffnen, sterbe ich wie Noah.“
Ein Motor heulte auf. Scheinwerfer rissen die Dunkelheit auf. Die Frau stieß Mara zur Seite, bevor ein schwarzer Wagen durch die Parkhausgasse schoss.
Als Mara wieder auf die Beine kam, war die Frau verschwunden.
Nur der rote Schal lag auf dem Beton.