Mara König wusste, wie Lügen klangen. Sie hatten keine eigene Stimme, aber sie hinterließen Pausen. Ein halbes Sekundenzögern vor einer Antwort. Ein zu schneller Blick zur Tür. Ein Lächeln, das im Mund blieb und die Augen nicht erreichte.
Als leitende Compliance-Anwältin der Wiener Unternehmensgruppe Lumen & Stahl hatte Mara gelernt, diese Pausen zu sammeln wie Beweisstücke. Sie war zweiunddreißig, trug schmale dunkle Anzüge, trank ihren Kaffee ohne Zucker und hatte seit acht Monaten kein Wochenende mehr, das nicht nach Bildschirmlicht roch. Lumen & Stahl baute Sicherheitssysteme, biometrische Scanner, Überwachungssoftware für Flughäfen, Banken und Ministerien. Offiziell schützte die Firma Menschen. Inoffiziell schützte Mara die Firma.
An diesem Montagmorgen stand ein Mann in ihrem Büro, der nicht in diese Welt aus Glas, Chrom und kontrollierten Sätzen passte.
Er hieß Elias Voss. Neuer externer Krisenberater, angeblich empfohlen vom Aufsichtsrat. Anfang dreißig, schwarzer Mantel, ruhige Hände, ein Gesicht, das zu müde war, um charmant sein zu wollen – und genau deshalb gefährlich wirkte.
„Sie sind zu spät“, sagte Mara, ohne aufzusehen.
„Drei Minuten“, antwortete Elias.
„In drei Minuten kann ein Leak online gehen, ein Aktienkurs kippen oder ein Zeuge verschwinden.“
Jetzt sah sie ihn an. Er lächelte nicht.
„Ist das hier eine Begrüßung oder eine Warnung?“
„Beides.“
Der Fall, für den Elias geholt worden war, lag wie ein dunkler Fleck auf Maras Schreibtisch. Eine anonyme Anzeige behauptete, Lumen & Stahl habe seine Gesichtserkennungssoftware illegal an eine private Sicherheitsmiliz im Ausland verkauft. Drei Wochen später war ein interner Entwickler, Noah Berendt, tot im Donaukanal gefunden worden. Die Polizei sprach von Unfall. Die Presse flüsterte von Mord. Und seit gestern gab es angeblich einen Zeugen.
„Wir müssen herausfinden, wer dieser Zeuge ist, bevor die Staatsanwaltschaft ihn präsentiert“, sagte Mara.
Elias trat ans Fenster. Von oben sah Wien ordentlich aus, als hätte jemand alle Unruhe zwischen die Dächer gekehrt.
„Und wenn der Zeuge die Wahrheit sagt?“
Mara schloss die Akte.
„Dann müssen wir wissen, welche Wahrheit.“
Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer:
DU VERTEIDIGST NICHT DIE FIRMA. DU VERTEIDIGST DEN MÖRDER.
Darunter ein Foto: Noah Berendt, lebendig, in einem Serverraum. Neben ihm stand eine Frau mit rotem Schal. Ihr Gesicht war halb verdeckt.
Mara spürte, wie ihr Puls sprang.
Der rote Schal gehörte ihr.