Am nächsten Morgen war HelixCare in Flammen, ohne dass irgendwo Feuer brannte.
Ein Journalist erhielt anonym Hinweise. Der Vorstand berief eine Sondersitzung ein. Dr. Neumanns Tod, bisher als Herzinfarkt geführt, wurde neu untersucht. Und Mara Voss, die Anwältin mit Zugriff auf alle internen Akten, bekam eine Einladung vom Bundeskriminalamt.
Nicht als Zeugin.
Als Beschuldigte.
Der Vorwurf: Urkundenfälschung, Datenmanipulation, Behinderung interner Prüfungen. Auf den Servern fanden sich Logins unter ihrem Namen. Kamerabilder zeigten sie angeblich nachts im Archiv. Ein interner Chat, perfekt gefälscht, deutete an, dass sie Neumann unter Druck gesetzt hatte.
„Jemand baut mir einen Sarg aus Papier“, sagte Mara.
Jonas saß ihr in einem kleinen Vernehmungsraum gegenüber. Offiziell durfte er nicht hier sein. Inoffiziell hatte er die Tür geschlossen und das Aufnahmegerät ausgeschaltet.
„Der Vorstand braucht eine Täterin“, sagte er. „Jemanden, der intelligent genug ist, alles getan zu haben, und einsam genug, dass niemand für sie kämpft.“
Mara sah ihn scharf an. „Und Sie? Kämpfen Sie für mich oder für Ihren Fall?“
„Beides.“
„Das ist keine Antwort, die Vertrauen verdient.“
Er atmete aus. „Nein. Aber es ist die ehrliche.“
Der USB-Stick VERDICT war beschädigt. Nur Fragmente ließen sich öffnen: Videobilder aus einem Labor, Livias Gesicht hinter Glas, Dr. Neumann in Panik, eine schwarze Mappe mit dem Titel „Projekt Mohn“. Und eine Audiodatei, in der jemand ruhig sagte: „Wenn man tötet, darf man nicht hassen. Hass macht Spuren. Atme vier Sekunden ein, sechs Sekunden aus, und dann tu, was nötig ist.“
Mara hörte die Aufnahme dreimal. Beim vierten Mal schloss sie die Augen.
„Das ist kein Auftragskiller“, sagte sie.
Jonas hob den Blick. „Sondern?“
„Jemand aus dem Managementtraining.“
HelixCare hatte im Vorjahr ein internes Resilienzprogramm gestartet: Mindful Leadership. Achtsamkeit, Stresskontrolle, Entscheidungsstärke. Alle Führungskräfte mussten teilnehmen. Mara hatte die Unterlagen geprüft. Einer der Coaches war ein früherer Militärpsychologe gewesen: Viktor Senn.
Senn arbeitete inzwischen direkt für die Vorstandsvorsitzende, Celia Rautenberg.
Celia war elegant, unerschütterlich und berühmt für Sätze wie: „Moral ist ein Luxus, den man sich erst nach dem Quartalsabschluss leisten kann.“ Mara hatte sie immer für zynisch gehalten. Nicht für mörderisch.
Dann erhielt Mara eine Videonachricht.
Livia stand in einem verlassenen Schwimmbad. Blut klebte an ihrer Schulter. Sie hielt ein Schild hoch:
Sie wollen mich vor der Anhörung töten. Die Wahrheit liegt nicht im Labor. Sie liegt in Maras Vergangenheit.
Mara ließ das Handy sinken.
Jonas bemerkte, wie ihre Hände zitterten. „Was meint sie damit?“
Mara antwortete nicht sofort. Denn in ihrer Vergangenheit gab es tatsächlich eine Tür, die sie nie wieder geöffnet hatte: Vor acht Jahren war ihr jüngerer Bruder Emil nach einer neurologischen Studie gestorben. Offiziell an einer seltenen Komplikation. Die Klinik hatte sich entschuldigt, gezahlt, geschwiegen.
Die Klinik gehörte später zu HelixCare.
Und die Ärztin, die damals das Gutachten unterschrieb, hieß Celia Rautenberg.