Als Mara wieder zu sich kam, roch die Luft nach Desinfektionsmittel und nassem Beton. Sie lag nicht in einem Krankenhaus, sondern in einem Lagerraum unter der Station. Ihre Handgelenke waren mit Kabelbindern fixiert. Vor ihr saß eine junge Frau mit raspelkurzen Haaren, einer Narbe am Hals und einer blauen Tätowierung am linken Handgelenk: AZ-17.
Das blaue Aktenzeichen.
Die Frau hob einen Finger an die Lippen. Dann deutete sie auf ihre eigene Kehle und schüttelte den Kopf.
„Sie können nicht sprechen“, flüsterte Mara.
Die Frau nickte.
Sie schob Mara ein kleines Diktiergerät zu. Darauf klebte ein Zettel: Ich heiße Livia Brandt. Ich habe gesehen, wie sie Dr. Neumann getötet haben.
Mara erstarrte.
Livia entsperrte das Gerät. Eine verzerrte Männerstimme füllte den Raum.
„Neumann wird weich. Er will die Testreihe melden. Bring ihn zum Schweigen. Und die Probandin auch.“
Mara hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. „Probandin?“
Livia zeigte auf ihr Handgelenk. AZ-17.
Mara verstand langsam. Das Neuroimplantat war nicht nur an freiwilligen Patienten getestet worden. Jemand hatte Menschen aus einem Rehabilitationsprogramm benutzt: Abhängige, Verschuldete, Leute ohne Familie. Menschen, die verschwinden konnten, ohne dass jemand Fragen stellte.
Plötzlich krachte oben eine Tür. Schritte. Mehrere.
Livia sprang auf, schnitt Maras Kabelbinder mit einer Glasscherbe durch und drückte ihr einen USB-Stick in die Hand. Auf dem Kunststoff stand mit Nagellack: VERDICT.
„Was ist darauf?“
Livia tippte auf ihr eigenes Auge, dann auf Maras Brust. Sehen. Fühlen. Entscheiden.
Die Tür flog auf.
Jonas Falk stand im Rahmen.
Hinter ihm zwei Sicherheitsleute von HelixCare.
Für einen Sekundenbruchteil sah Mara nur das, was die Warnung angekündigt hatte: den Mann, der sie retten würde. Oder verraten.
„Runter!“, rief Jonas.
Er schlug dem ersten Sicherheitsmann mit dem Ellbogen gegen die Kehle, riss dem zweiten den Taser aus der Hand und warf Mara einen Blick zu, der keine Erklärung enthielt, nur Dringlichkeit.
Livia rannte zur Notausgangstür. Ein Schuss knallte. Sie stolperte, fing sich, verschwand in der Dunkelheit des Wartungstunnels.
Mara wollte hinterher, doch Jonas packte sie am Arm.
„Wir müssen weg.“
„Sie waren mit denen hier!“
„Ich war ihnen gefolgt.“
„Warum sollte ich Ihnen glauben?“
Er sah sie an, und zum ersten Mal war nichts Spielerisches mehr in seinem Gesicht.
„Weil ich derjenige war, der Ihnen die Datei geschickt hat.“
Mara riss sich los.
„Dann haben Sie mich in eine Falle gelockt.“
„Nein. Ich dachte, Livia würde mit Ihnen reden. Ich wusste nicht, dass der Vorstand die Station überwacht.“
Sirenen heulten in der Ferne. Jonas zog einen Ausweis aus der Innentasche. Kein Beraterausweis. Eine Sonderkarte der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft.
„Jonas Falk ist nicht mein echter Name“, sagte er.
Mara lachte einmal, hart und tonlos. „Natürlich nicht.“
„Ich ermittle seit sechs Monaten gegen HelixCare.“
„Und flirten gehört zur Beweissicherung?“
Er schwieg zu lange.
Genau darin lag die Antwort.