Mara Voss hatte gelernt, dass gefährliche Dinge selten schreien. Sie kamen in klimatisierten Konferenzräumen, mit frisch gebrühtem Kaffee und einem Lächeln, das zwei Sekunden zu lange dauerte.
An diesem Montag saß sie im 19. Stock der Wiener Unternehmenszentrale von HelixCare, einem Medizintechnik-Konzern, und betrachtete eine Unterschrift, die nicht existieren durfte.
„Das ist nicht die Signatur von Dr. Neumann“, sagte sie.
Gegenüber lehnte Jonas Falk am Fenster, als gehöre ihm die Skyline. Er war externer Krisenberater, zu gut gekleidet, zu entspannt und seit drei Wochen der Mensch, den Mara am liebsten ignorierte. Leider war er auch der Einzige, der ihre Schlüsse schnell genug verstand.
„Vielleicht hat er einen schlechten Tag gehabt“, sagte Jonas.
„Dr. Neumann ist seit vier Monaten tot.“
Jonas’ Lächeln verschwand.
Auf dem Tisch lag ein interner Freigabebericht für ein neues Neuroimplantat, das HelixCare im Eilverfahren nach Osteuropa verkaufen wollte. Die Testdaten waren sauber, die Unterschriften vollständig, die Genehmigung beinahe perfekt. Zu perfekt.
Mara war Compliance-Anwältin. Ihr Job bestand darin, Katastrophen zu verhindern, bevor sie Schlagzeilen wurden. In der Firma nannte man sie „die Bremse“. Hinter ihrem Rücken, natürlich. Seit Jonas aufgetaucht war, nannte man sie manchmal auch „die Bremse mit Puls“, weil ihre Stimme unmerklich weicher wurde, sobald er sie provozierte.
„Wer hat Ihnen diese Datei geschickt?“, fragte er.
„Anonym. Heute Morgen um 5:12 Uhr.“
„Betreff?“
Mara drehte den Laptop zu ihm.
Da stand nur ein Satz: Wenn Sie die Wahrheit wollen, fragen Sie die Frau mit dem blauen Aktenzeichen.
Jonas runzelte die Stirn. „Klingt nach schlechter Poesie.“
„Oder nach einer Zeugin.“
In diesem Moment vibrierte Maras Handy. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Nicht Polizei. Nicht Vorstand. Allein. U-Bahnstation Schottenring, 21:40. Wenn er Sie begleitet, sterbe ich.
Mara sah zu Jonas auf. Er hatte die Nachricht mitgelesen, ohne sich zu entschuldigen.
„Nein“, sagte er sofort.
„Sie wissen nicht einmal, was ich vorhabe.“
„Doch. Sie werden hingehen. Sie werden so tun, als hätten Sie keine Angst. Und ich werde Ihnen sagen, dass das idiotisch ist.“
„Sehr schmeichelhaft.“
„Mara, ein toter Arzt unterschreibt einen Bericht, eine unbekannte Zeugin schreibt wie aus einem Thriller, und jemand warnt Sie vor mir. Vielleicht sollten Sie sich fragen, warum.“
Sie hätte lachen können. Stattdessen spürte sie etwas Kaltes zwischen den Rippen. Denn genau das fragte sie sich seit Tagen: warum Jonas Falk immer dann auftauchte, wenn Akten verschwanden, Namen geändert wurden oder der Vorstand plötzlich nervös wurde.
Am Abend ging sie trotzdem.
Allein.
Und um 21:40 Uhr fand Mara in der U-Bahnstation keinen Menschen mit Antworten. Nur eine blaue Prozessmappe in einem Schließfach. Darin: ein Foto von ihr selbst, aufgenommen vor ihrem Bürofenster. Auf der Rückseite stand:
Vertrauen Sie nicht dem Mann, der Sie rettet.
Dann ging das Licht aus.