Justus Rabe ließ sie nicht festnehmen. Das wäre zu grob gewesen, zu sichtbar. Stattdessen bat er sie in den großen Konferenzsaal, wo bereits drei Mitglieder des Aufsichtsrats, zwei externe Anwälte und ein Mann saßen, den Marlene sofort erkannte: Dr. Henning Solm, ehemaliger Bundesrichter, nun „Ethikbeauftragter“ von NOVA SENS.
Leander durfte nicht mit hinein. Zwei Sicherheitsleute führten ihn in einen Nebenraum. Marlene sah ihm nach. Er hob leicht die Hand, als wolle er sagen: Nicht vertrauen. Niemandem.
Im Konferenzsaal duftete es nach Orangenöl.
„Frau Vogt“, begann Solm, „wir führen eine interne Anhörung durch. Ziel ist Transparenz.“
Marlene lachte einmal trocken. „Ohne Protokoll? Ohne Polizei? Mit einem Mordzeugen im Nebenraum?“
Justus faltete die Hände. „Sie sind emotional. Verständlich. Mira war eine geschätzte Kollegin.“
„Sie hat Beweise gesammelt.“
„Gegen wen?“
Die Frage war weich gestellt, aber jeder im Raum wusste, dass sie eine Falle war. Marlene hatte keine Beweise mehr. Nur Leanders Aussage, eine Drohnachricht und ihre Ahnung.
Dr. Solm schob ihr eine Mappe zu. Darin lagen Fotos: Marlene und Leander im Ruheraum, dicht beieinander, aus einem Winkel aufgenommen, der Vertraulichkeit in Intimität verwandelte. Weitere Seiten: angebliche Geldflüsse auf Marlenes Privatkonto, E-Mails mit manipulierten Freigaben, ein vorbereiteter Bericht, in dem sie als Verantwortliche für alle Datenschutzverstöße benannt wurde.
„Sie wollen mich zur Täterin machen“, sagte Marlene.
Justus seufzte. „Nicht Täterin. Überforderte Führungskraft. Das ist menschlicher.“
„Und Falk?“
„Ein instabiler Mitarbeiter, der nach Miras Tod eine Verschwörung konstruiert. Vielleicht aus Schuld. Vielleicht aus Liebe.“
Das Wort traf Marlene härter, als es sollte.
„Sie waren in Mira verliebt?“, fragte sie später, als sie es schaffte, Leander auf dem Flur abzufangen.
Er sah sie lange an. „Nein. Mira war meine Schwester.“
Marlene blieb stehen.
„Halbschwester“, sagte er. „Niemand hier wusste es. Sie wollte mich schützen. Deshalb hat sie mich nicht in ihre offiziellen Beschwerden geschrieben.“
„Warum haben Sie mir das nicht gesagt?“
„Weil Menschen anders zuhören, wenn Blut im Spiel ist. Sie hätten mich für befangen gehalten.“
„Sind Sie das nicht?“
„Natürlich bin ich das.“ Seine Stimme brach zum ersten Mal. „Ich will wissen, wer sie mit einem Zeichen markiert hat, als wäre sie ein fehlerhaftes Produkt.“
Marlene spürte, wie ihr Misstrauen nicht verschwand, aber seine Richtung änderte. Weg von Leander. Hin zum gesamten Gebäude.
Sie versteckten sich im Serverarchiv, einem fensterlosen Raum unterhalb der Entwicklungsabteilung. Leander kannte einen Wartungsschacht. Marlene kannte die Zugriffscodes. Gemeinsam waren sie gefährlich – und genau das machte ihr Angst.
Auf einem alten Terminal suchte sie nach Miras letzten Logins. Gelöscht. Natürlich. Doch Leander nahm ihr die Tastatur aus der Hand und öffnete ein Designprogramm.
„Mira war paranoid“, sagte er. „Aber kreativ paranoid.“
Er lud eine harmlose Präsentation über Armbandfarben. Schwarz, Blau, Sand, Rosé. In den Farbcodes versteckte sich eine Zahlenreihe. Marlene entschlüsselte sie als interne Dokumenten-IDs.
Sie fanden Verträge. Datenexporte. Namenslisten. Und eine Datei mit dem Titel: VERDICT.
Darin: ein Algorithmus, der Menschen anhand ihrer Gesundheits-, Schlaf- und Bewegungsdaten als „wahrscheinlich unzuverlässig“ einstufte. Nicht nur für Werbung. Für Kredite. Jobs. Strafverfahren. Eine Schattenjustiz, verkauft als Prävention.
Ganz unten stand der Name des Auftraggebers: Ministerialbüro für Sicherheitsinnovation.
Marlene wurde eiskalt. „Das reicht nicht für einen Skandal. Das reicht für ein Erdbeben.“
Leander blickte auf den Bildschirm. „Dann bringen wir die Erde zum Beben.“
Hinter ihnen klickte eine Waffe.
„Das“, sagte Dr. Solm aus der Dunkelheit, „wäre unethisch.“