Marlene reagierte schneller, als sie gedacht hätte. Sie riss Leander vom Stuhl, drückte ihn zu Boden und spürte Glassplitter in ihrer Handfläche. Kein Schuss, erkannte sie Sekunden später. Ein Metallbolzen aus einer industriellen Nagelpistole steckte in der Wand. Leise Waffe. Nahdistanz. Jemand im eigenen Haus.
„Willkommen in meiner Opferrolle“, murmelte Leander.
„Sparen Sie sich den Humor.“
„Das ist kein Humor. Das ist Panik mit guter Erziehung.“
Sie krochen zur Tür. Auf dem Gang blinkten die Sensoren der Sicherheitskameras – aus. Marlene wusste, wo die manuellen Verriegelungen lagen, weil sie die Richtlinie dafür geschrieben hatte. Zwei Türen weiter befand sich ein Ruheraum, den Justus Rabe nach seinem Achtsamkeitskurs „Stille Kapsel“ nannte.
Sie zerrte Leander hinein, verriegelte die Tür und schaltete das Licht nicht an.
Draußen Schritte.
Langsam. Suchend.
Marlene hielt den Atem an. Leander neben ihr nicht. Er atmete in einem festen Rhythmus: vier Sekunden ein, sechs Sekunden aus. Es machte sie wahnsinnig.
„Tun Sie das absichtlich?“, flüsterte sie.
„Es hilft, nicht dumme Dinge zu tun.“
„Wie eine Kronzeugin allein im Konzerngebäude aufzusuchen?“
„Kronzeuge“, korrigierte er.
„Wenn Sie weiterreden, bald Leiche.“
Ein fast lautloses Lachen. Trotz der Angst spürte Marlene eine absurde Wärme in ihrer Brust. Leander war nicht charmant im glatten Sinn. Er war anwesend. Als sähe er Menschen nicht durch ihre Rollen, sondern durch ihre Risse.
Die Schritte entfernten sich. Erst nach einer Minute wagte Marlene, ihr Handy zu prüfen. Kein Netz. Interne Blockade.
„Das Speicherplättchen“, flüsterte sie.
Leander griff in seine Tasche. Sein Gesicht veränderte sich.
„Weg.“
Marlene starrte ihn an. „Sie haben den einzigen Beweis verloren?“
„Nein. Jemand hat ihn genommen, als die Scheibe zerbrach.“
„Das ist unmöglich.“
„Dann sollten wir dem Unmöglichen hinterherlaufen.“
Sie öffneten die Tür einen Spalt. Der Flur war leer. Am Ende, vor Miras ehemaligem Büro, lag etwas auf dem Boden: ein schwarzer Stoffstreifen, darauf ein aufgedruckter Kreis, exakt wie das Zeichen auf Miras Handgelenk.
Marlene kniete sich hin. Auf der Rückseite stand ein Satz, mit weißem Marker geschrieben:
DAS URTEIL IST SCHON GEFALLEN.
Leander wurde blass. „Das hat Mira gestern zu mir gesagt.“
„In welchem Zusammenhang?“
„Sie meinte, es gäbe einen Prozess, bevor es überhaupt eine Anklage gibt. Einen internen. Mit echten Richtern.“
Marlene wollte widersprechen, doch ihr Diensthandy vibrierte plötzlich. Nur eine Nachricht, kein Absender:
WENN SIE FALK SCHÜTZEN, WIRD IHR NAME AUF DER NÄCHSTEN LEICHE STEHEN.
Der Aufzug am Ende des Flurs öffnete sich.
Heraus trat Justus Rabe – barfuß, im Kaschmirpullover, mit einem Lächeln so ruhig wie Gift.
„Marlene“, sagte er. „Ich hoffe, Sie haben vor dem Handeln geatmet.“