Als Marlene Vogt am Montagmorgen den Aufzug zum 17. Stock betrat, roch sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Nicht nach Blut, nicht nach Rauch – sondern nach Orangenöl. Der Duft stammte aus den kleinen Fläschchen, die ihr Chef, Vorstandsvorsitzender Justus Rabe, seit seinem Achtsamkeitsseminar überall in der Zentrale verteilen ließ. „Atmen, bevor wir handeln“, stand auf einem Schild neben den Fahrstühlen.
Marlene, Leiterin der internen Compliance-Abteilung von NOVA SENS, atmete nicht. Sie hielt die Luft an, denn im Spiegel der Aufzugstür sah sie zwei Dinge: ihr eigenes blasses Gesicht und den roten Stempel auf der Akte in ihrer Hand.
VERTRAULICH. ZEUGE EINGETROFFEN.
Der Zeuge hieß Leander Falk. Er war Produktdesigner, 32, laut Personalakte unauffällig, laut Pressestelle „kreativ eigenwillig“ und laut Polizei der letzte Mensch, der die tote Laborleiterin Mira Kessler lebend gesehen hatte.
Mira war am Freitagabend im Archivraum gefunden worden, zwischen Prototypen alter Neuro-Armbänder, mit einem schwarzen Kreis auf der Innenseite ihres Handgelenks. Die Medien nannten es bereits „das Zeichen“. Der Konzern nannte es „tragischen Einzelfall“. Marlene nannte es in Gedanken Mord.
Im Besprechungsraum wartete Leander Falk hinter einer Glaswand, als säße er in einem Aquarium. Er hatte dunkle Locken, ein weißes Hemd ohne Krawatte und eine Ruhe, die Marlene sofort misstrauisch machte. Menschen, die zu ruhig waren, versteckten entweder nichts – oder alles.
„Frau Vogt“, sagte er, als sie eintrat. „Sie sind die Frau, die entscheidet, ob ich geschützt werde oder geopfert.“
„Ich entscheide, ob Ihre Aussage belastbar ist.“
Er lächelte kurz, müde. „Dann fangen wir mit der Wahrheit an: Mira Kessler wollte heute Morgen die Staatsanwaltschaft informieren. Nicht wegen eines Produktfehlers. Wegen eines Deals.“
Marlene setzte sich. „Welcher Deal?“
Leander beugte sich vor. „NOVA SENS hat Verhaltensdaten aus den Armbändern verkauft. An Versicherungen, Sicherheitsfirmen, Wahlkampfagenturen. Mira konnte beweisen, dass die Daten manipuliert wurden, um Menschen als ‚Risiko‘ zu markieren.“
Marlene spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Seit Monaten unterschrieb sie Prüfberichte, die angeblich lückenlos waren. Ihr Name hing an jeder Freigabe.
„Warum kommen Sie zu mir?“, fragte sie.
„Weil Mira mir vertraut hat. Und weil Sie die Einzige sind, die am Freitag nicht gelogen hat.“
„Woher wollen Sie wissen, was ich gesagt habe?“
Leander zog ein kleines, schwarzes Speicherplättchen aus der Brusttasche und legte es zwischen sie auf den Tisch. „Weil jemand alle Gespräche im Vorstandstrakt aufgezeichnet hat.“
In diesem Moment ging im gesamten 17. Stock das Licht aus.
Nur die Notbeleuchtung blieb, rot und flackernd. Hinter der Glaswand erschien für den Bruchteil einer Sekunde eine Gestalt im Flur. Schlank. Kapuze. Handschuhe.
Dann zersprang die Scheibe neben Leanders Kopf.