Ruth Stein empfing Mara in ihrem Büro, dessen Fenster auf den grauen Gürtel blickten. Sie hörte sich alles an, ohne eine Miene zu verziehen. Nur bei Timos Namen legte sie den Stift beiseite.
„Mara, Sie sind überarbeitet.“
„Der Bericht ist verschwunden.“
„Dann war er vielleicht nie vollständig.“
„Jemand hat mir gedroht.“
Ruth stand auf, kam um den Schreibtisch herum und legte Mara eine Hand auf die Schulter. „Wenn Falk dahintersteckt, brauchen wir mehr als Instinkt. Bleiben Sie in seiner Nähe. Finden Sie heraus, was er versteckt. Aber gehen Sie nicht allein zur Polizei.“
Es klang vernünftig. Genau deshalb misstraute Mara dem Rat.
Am selben Abend wurde Leonhard Falk vor dem Firmengebäude verhaftet. Der Vorwurf: Geldwäsche, Urkundenfälschung und Beihilfe zur Vertuschung eines Todesfalls. Die Kameras waren schneller als die Handschellen. Noch bevor Mara zu Hause war, zeigten Nachrichtenseiten sein Gesicht neben Schlagzeilen über einen „Verdachtsfall im Wiener Finanzmilieu“.
Am nächsten Morgen erhielt sie eine Vorladung. Sie war als interne Entdeckerin der verdächtigen Zahlungen Hauptzeugin.
Im Landesgericht sah Leonhard anders aus: weniger glatt, müder, aber nicht gebrochen. Als er an Mara vorbeigeführt wurde, sagte er kein Wort. Nur seine Augen hielten sie fest, als wollten sie ihr eine Frage stellen, die niemand hören durfte.
Während der ersten Anhörung präsentierte die Staatsanwältin ein Motiv: Leonhard habe für eine geheime Gruppe Geld verschoben, die Zeugen in Korruptionsverfahren einschüchterte. Ein Name fiel beiläufig: Timo Voss. Mara hörte ihn wie durch Wasser.
Dann legte Leonhards Anwalt einen Beweisantrag vor. Eine verschlüsselte Audiodatei, angeblich am Abend von Timos Tod aufgenommen. Sie wurde im Saal abgespielt.
Rauschen. Wind. Eine junge männliche Stimme – Timo.
„Wenn mir etwas passiert, fragt Mara. Sie hat gesehen, wer den Umschlag genommen hat.“
Mara bekam keine Luft. Sie erinnerte sich an keinen Umschlag. An keine Beobachtung. An nichts außer blaue Polizeilichter und Ruth Steins Stimme, die ihr damals gesagt hatte: Du musst nicht alles wissen, um zu überleben.
Leonhard sah sie jetzt nicht mehr an wie eine Belastungszeugin. Er sah sie an, als sei sie der einzige Schlüssel in einem Raum voller verschlossener Türen.
Nach der Anhörung wartete auf Maras Handy eine Nachricht von einer unbekannten Nummer:
WENN DU DICH ERINNERST, STIRBT ER. WENN DU SCHWEIGST, WIRST DU FREIGESPROCHEN VON DEINER VERGANGENHEIT.
Darunter ein Foto: Leonhard als Kind, neben einem Teenager mit Timos Lächeln.