Mara Voss konnte Lügen an Zahlen erkennen. Nicht an Stimmen, nicht an Blicken, nicht an zitternden Händen – sondern an Spesenabrechnungen, Zeitstempeln und fehlenden Belegen. Bei der Wiener Beratungsfirma Helion & Graf war sie deshalb die Frau, vor der selbst Vorstände ihre Kaffeetassen abstellten, bevor sie in den Besprechungsraum kamen.
An einem Montagmorgen im November fand Mara in einem internen Prüfbericht einen Fehler, der kein Fehler sein konnte: Drei Zahlungen an dieselbe Stiftung, jeweils knapp unter der Meldegrenze, signiert vom Finanzchef Leonhard Falk. Leonhard war jung für seinen Posten, zu ruhig für die Gerüchteküche und zu höflich für einen Mann, dem die halbe Firma Kälte nachsagte.
Als Mara die Ausdrucke aus dem Drucker zog, stand er bereits hinter ihr.
„Sie arbeiten früh“, sagte er.
„Und Sie lesen gern über Schultern.“
Ein fast unsichtbares Lächeln. „Nur wenn die Schulter gerade meine Unterschrift ausdruckt.“
Mara hätte ihn melden müssen. Stattdessen spürte sie, wie ihr Puls schneller wurde – nicht aus Angst, sondern aus dieser gefährlichen Mischung aus Misstrauen und Neugier, die sie noch nie für einen Mann empfunden hatte. Leonhard nahm den Bericht nicht an sich. Er sah nur auf die Zahlen, dann auf sie.
„Wenn Sie glauben, ich hätte Geld verschoben, gehen Sie zu Stein.“
Direktorin Ruth Stein leitete die interne Ermittlungseinheit. Sie war Maras Mentorin, hart, bewundert, unantastbar. Mara nickte.
„Das werde ich.“
„Tun Sie es schnell“, sagte Leonhard leise. „Bevor jemand anderes merkt, dass Sie es gesehen haben.“
In diesem Moment flackerte das Licht im Großraumbüro. Ein Feueralarm heulte. Menschen sprangen auf, Laptops klappten zu, Stimmen schwollen an. Als Mara sich wieder zur Druckerablage drehte, war der Bericht verschwunden.
Nur ein einzelnes Blatt lag noch dort. Darauf stand in schwarzem Marker ein Satz:
DU WARST DAMALS AUCH DABEI.
Mara starrte auf die Worte. Damals. Es gab nur ein Damals, das sie nie betrat: den Abend vor sieben Jahren, an dem ihr älterer Bruder Timo nach einer Zeugenaussage gegen einen Lokalpolitiker tot in der Donau gefunden worden war. Ein Unfall, hieß es. Eine Tragödie. Eine Akte, die zu sauber geschlossen wurde.
Als die Sirenen draußen verhallten, hatte Mara zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, nicht mehr Beobachterin zu sein. Sondern Beute.