Mara zog ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.
Lukas sagte nichts. Genau das machte es schlimmer.
„Für wen arbeiten Sie wirklich?“ fragte Mara.
„Für AUREONs Aufsichtsrat.“
„Das war nicht meine Frage.“
Enya drückte sich gegen die Wand. „Er war bei der Verhandlung damals. Ich habe ihn gesehen. Er stand neben Neumann.“
Lukas’ Gesicht verlor jede Spur von Leichtigkeit. „Ich war sechzehn.“
Mara blinzelte. „Sie kannten Victor Neumann?“
„Er war mein Stiefvater.“
Das Schweigen danach war so dicht, dass selbst draußen die Straße leiser zu werden schien.
Lukas fuhr sich durch die Haare. „Ich habe meinen Namen geändert, als meine Mutter starb. Neumann wurde freigesprochen, aber er war nicht unschuldig. Ich suche seit Jahren Beweise.“
„Und Sie dachten, Sie erwähnen das nicht?“ Maras Stimme zitterte vor Wut. „Während wir in einem Mordfall ermitteln?“
„Ich dachte, Sie würden mir sonst nicht vertrauen.“
„Herzlichen Glückwunsch. Jetzt vertraue ich Ihnen gar nicht.“
Enya unterbrach sie. „Brandt wollte aussteigen. Er hat die alten Methoden von Neumann in Projekt Schwarz wiedererkannt. Nicht dieselben Geräte, aber dasselbe Prinzip: Schmerz ausschalten, Erinnerung beeinflussen, Gehorsam testen.“
Mara schluckte. „An Patienten?“
„An Menschen, die dachten, sie nehmen an einer bezahlten Schlafstudie teil.“ Enya hob ihr Handgelenk. „Der schwarze Strich markierte diejenigen, die Nebenwirkungen zeigten.“
Plötzlich knallte unten eine Tür. Schritte im Stiegenhaus.
Lukas löschte das Licht. „Wir müssen weg.“
Sie flüchteten über den Hinterhof, Enya zwischen ihnen, während zwei Männer in dunklen Jacken die Wohnung stürmten. Mara spürte zum ersten Mal seit langer Zeit echte Angst. Nicht vor Akten, nicht vor Karrieren, sondern vor Menschen, die keine Akten hinterließen.
Im AUREON-Gebäude versteckten sie Enya im alten Papierarchiv, einem fensterlosen Raum im Keller, den niemand freiwillig betrat. Zwischen Kartons voller abgelaufener Verträge erzählte Enya den Rest: Brandt hatte eine Datei versteckt. Ein vollständiges Geständnis, Studienlisten, Zahlungen, Namen. Er hatte sie „Urteil“ genannt.
„Warum Urteil?“ fragte Mara.
Enya sah zu Boden. „Weil es das Urteil korrigieren sollte, das Neumann damals nie bekommen hat.“
Mara drehte sich zu Lukas. „Wo ist die Datei?“
„Brandt hat sie nicht mir gegeben.“
„Natürlich nicht.“
„Aber ich weiß, wie er gedacht hat.“ Lukas trat näher. „Er liebte Rätsel. Und er war besessen von Schuld.“
Mara wollte zurückweichen, aber hinter ihr stand ein Regal. Lukas war zu nah, der Raum zu eng, ihr Herz zu laut.
„Sie lügen ständig“, sagte sie leise.
„Nein“, sagte er. „Ich verschweige. Das ist nicht besser, aber anders.“
„Für eine Compliance-Anwältin ist das ein sehr schwacher Unterschied.“
„Für einen Mann mit einer kaputten Familie ist es manchmal der einzige.“
Sie hätte ihn dafür hassen sollen. Stattdessen sah sie die Müdigkeit in seinen Augen. Die Scham. Den Jungen, der neben einem Monster gestanden hatte und sein Leben damit verbrachte, zu beweisen, dass er nicht dasselbe war.
Als er sie küsste, war es kein triumphaler Kuss. Eher eine Frage.
Mara beantwortete sie für drei Sekunden.
Dann stieß sie ihn weg.
„Das war unprofessionell.“
„Sehr.“
„Es passiert nicht wieder.“
„Natürlich nicht.“
Beide wussten, dass sie logen.
In diesem Moment summte der alte Archivscanner neben ihnen von selbst auf. Ein Blatt wurde eingezogen. Dann erschien auf dem Bildschirm eine Nachricht:
DIE DATEI IST IM RAUM, IN DEM FALK NIE LÜGT.
Darunter ein Timer.
02:00:00