Die Frau auf dem Foto hieß Enya Roth.
Zumindest behauptete das die Personalakte, die Mara zwei Stunden später aus einem gesperrten Archiv zog. Enya war keine Festangestellte gewesen, sondern eine sogenannte Probandenkoordinatorin für Projekt Schwarz. Eintritt: vor acht Monaten. Austritt: nie dokumentiert.
„Eine Mitarbeiterin verschwindet und niemand stellt Fragen?“ fragte Lukas, der sich ungefragt neben Maras Schreibtisch gesetzt hatte.
„In Konzernen verschwinden Menschen ständig“, sagte Mara. „Meistens in andere Abteilungen.“
„Oder in bessere Lügen.“
Sie wollte eine scharfe Antwort geben, doch er schob ihr einen Ausdruck zu. „Das hier habe ich aus den Besucherprotokollen. Enya Roth war am Abend des angeblichen Todes im Gebäude. Ebenfalls anwesend: Dr. Felix Brandt, Studienleiter.“
Mara erstarrte. „Brandt ist vor sechs Wochen bei einem Autounfall gestorben.“
„Offiziell.“
„Was soll das heißen?“
Lukas öffnete ein Video auf seinem Tablet. Überwachungskamera, Tiefgarage, schlechte Auflösung. Dr. Brandt stieg in seinen Wagen. Neben ihm stand eine Frau im roten Mantel. Enya. Sie stritten. Brandt packte sie am Arm. Enya riss sich los. Dann trat eine dritte Person ins Bild, in einem langen schwarzen Mantel.
Die Aufnahme brach ab.
Mara beugte sich vor. „Warum endet das Video dort?“
„Weil jemand es geschnitten hat.“
„Wer?“
Lukas sah sie an. „Jemand mit internen Rechten. Sehr weit oben.“
Mara dachte an Gregor Falk. An seine perfekt gefalteten Hände. An seine Behauptung: Es gibt keinen Toten, der mit uns zu tun hat.
Sie fanden Enyas letzte bekannte Adresse in Favoriten, in einem Haus, dessen Stiegenhaus nach feuchtem Putz und gebratenen Zwiebeln roch. Die Tür zur Wohnung stand einen Spalt offen.
„Bleiben Sie hinter mir“, sagte Lukas.
Mara hob eine Augenbraue. „Ich habe zwei Jahre Wirtschaftskriminalität bei der Staatsanwaltschaft gemacht.“
„Und ich habe drei Jahre gelernt, dass Leute mit gefährlichem Selbstvertrauen zuerst erschossen werden.“
„Charmant.“
„Ich arbeite daran.“
Die Wohnung war leer, aber nicht verlassen. Auf dem Tisch lag ein Glas Wasser, halb voll. An der Wand hingen Fotos von Menschen, alle mit kleinen schwarzen Markierungen an Handgelenk oder Hals. Probanden.
Mara fand in einer Schublade ein altes Gerichtsprotokoll. Der Fall lag zwölf Jahre zurück: Republik gegen Victor Neumann. Ein gefeierter Neurologe, angeklagt wegen illegaler Versuche. Freispruch mangels Beweisen.
Der Richter damals: Gregor Falks Vater.
Der Gutachter: Dr. Felix Brandt.
Mara wurde übel.
Aus dem Schlafzimmer kam ein Geräusch.
Lukas war sofort an der Tür. „Wer ist da?“
Eine blasse junge Frau kroch aus dem Kleiderschrank. Roter Mantel. Schwarzer Strich am Handgelenk. Enya Roth.
„Bitte“, flüsterte sie. „Ich habe nichts getan.“
Mara kniete sich zu ihr. „Wir helfen Ihnen.“
Enya lachte tonlos. „Das hat Dr. Brandt auch gesagt. Eine Stunde später war er tot.“
Dann sah sie an Mara vorbei zu Lukas.
„Und er“, flüsterte Enya, „arbeitet für den Mann, der mich finden will.“