Mara Seidl hasste Montage, weil sie an Montagen immer die Wahrheit fand.
Nicht die große Wahrheit, die in Gerichtssälen mit erhobener Stimme verhandelt wurde. Sondern die kleinen, schmutzigen Wahrheiten: eine falsch datierte Spesenabrechnung, ein gelöschter Kalendereintrag, ein Vorstand, der plötzlich keine Erinnerung mehr an ein Meeting hatte.
Als Leiterin der internen Compliance bei AUREON, einem Wiener Konzern für Medizintechnik, lebte Mara von diesen Rissen in perfekten Fassaden. Und AUREON hatte eine glänzende Fassade: Glas, Marmor, Pflanzenwände, lächelnde Empfangsdamen, Nachhaltigkeitsberichte in Pastellfarben.
An diesem Montag roch der Konferenzraum im 21. Stock nach kaltem Kaffee, Angst und teurem Parfum.
„Frau Seidl“, sagte Vorstandsvorsitzender Gregor Falk und faltete die Hände. „Wir brauchen Diskretion. Absolute Diskretion.“
Mara sah auf den Bildschirm. Dort stand nur ein Satz aus einer anonymen Meldung:
KLINISCHE STUDIE SCHWARZ. DATEN MANIPULIERT. EINER IST TOT.
Neben ihr räusperte sich jemand. Lukas Eben, externer Krisenberater, frisch aus Zürich eingeflogen, saß so entspannt in seinem Stuhl, als wäre er nicht zu einer möglichen Konzernkatastrophe gerufen worden, sondern zu einem Weinseminar.
Er hatte dunkle Locken, ein zu ruhiges Lächeln und die gefährliche Angewohnheit, Menschen anzusehen, als wüsste er bereits, welche Lüge sie gleich erzählen würden.
„Wir sollten zuerst klären, was mit ‚Schwarz‘ gemeint ist“, sagte Lukas.
„Projekt Schwarz“, antwortete Mara, ohne ihn anzusehen. „Ein Implantat zur neuronalen Schmerzregulierung. Hochsensibel. Zulassung in drei Monaten.“
Falks Kiefer spannte sich. „Es gibt keine Manipulation. Und keinen Toten, der mit uns zu tun hat.“
„Dann ist die Untersuchung schnell erledigt“, sagte Mara.
Lukas lächelte. „Optimismus. Wie erfrischend.“
Mara drehte sich zu ihm. „Zynismus. Wie vorhersehbar.“
Für einen Moment lag etwas in der Luft, das nicht in einen Krisenraum gehörte. Ein Funke. Ärger vielleicht. Oder Interesse, das sich als Ärger tarnte.
Dann vibrierte Maras Handy.
Eine unbekannte Nummer hatte ihr ein Foto geschickt. Darauf: eine Frau in einem roten Mantel, unscharf aufgenommen vor dem Hintereingang von AUREON. Auf ihrem Handgelenk war ein schwarzer Strich zu erkennen, wie eine tätowierte Schnittmarke.
Darunter stand:
SIE WAR DIE LETZTE ZEUGIN. WENN SIE SIE FINDEN, FINDEN SIE DEN MÖRDER.
Mara spürte, wie der Raum kälter wurde.
„Alles in Ordnung?“ fragte Lukas leise.
Sie sperrte das Display. „Nein.“
Und zum ersten Mal seit Jahren klang ihre Stimme nicht kontrolliert, sondern ehrlich.