Am Abend traf Lea Jonas in einer verlassenen Markthalle am Donaukanal. Sie hatte den USB-Stick nicht geöffnet; nicht im Firmennetz, nicht zu Hause, nicht einmal auf ihrem alten Laptop. Ihre Vorsicht war zur Gewohnheit geworden, seit sie gelernt hatte, dass Wahrheit in Konzernen nie verschwand, sondern nur umbenannt wurde.
Jonas wartete zwischen geschlossenen Gemüseständen. Regen trommelte auf das Blechdach, und irgendwo tropfte Wasser in einen Eimer, regelmäßig wie ein Metronom.
„Sie sind gekommen“, sagte er.
„Ich bin Anwältin. Neugier ist eine Berufskrankheit.“
Er lächelte schwach. „Und Misstrauen?“
„Überlebensinstinkt.“
Jonas erzählte ihr von einem internen Projekt namens ORPHEUS. Offiziell analysierte es Stressmuster in Krankenhäusern, um Burnout zu verhindern. Inoffiziell konnte es anhand von Stimme, Pupillenbewegung und Mikromimik vorhersagen, wann ein Mensch unter Druck brechen würde. AURENTA habe die Software an Sicherheitsbehörden verkauft, dann an private Firmen, schließlich an jemanden, den Jonas nur „den Kurator“ nannte.
„Der Kurator markiert Menschen“, sagte Jonas. „Er wählt sie aus, setzt sie unter Druck, treibt sie in Entscheidungen, die wie eigene Schuld aussehen. Kündigung, Verrat, Selbstmord, Mord. ORPHEUS macht aus Angst eine Landkarte.“
Lea dachte an die tote Frau auf dem Foto. „Und das Zeichen?“
Jonas wurde blass. „Das ist keine Signatur. Es ist ein Status. Wer das Mal trägt, ist in der letzten Phase.“
„Warum kommen Sie zu mir?“
Er zog ein zerknittertes Foto aus der Tasche. Darauf war Lea mit zwölf Jahren zu sehen, vor einem Gerichtsgebäude, an der Hand ihrer Mutter. Lea hatte dieses Foto nie zuvor gesehen.
„Ihre Mutter war die erste Juristin, die ORPHEUS stoppen wollte“, sagte Jonas. „Damals hieß es noch anders. Sie starb, bevor sie aussagen konnte.“
Lea schlug ihm ins Gesicht, bevor sie merkte, dass sie sich bewegt hatte. Der Knall hallte durch die Markthalle.
Jonas nahm es hin. „Ich verdiene das.“
„Sie wissen nichts über meine Mutter.“
„Doch. Mein Vater hat ihre Akten vernichtet.“
Lea trat einen Schritt zurück. Der Regen klang plötzlich wie Applaus von unsichtbaren Zuschauern.
Da ging das Licht aus.
Eine Stimme ertönte aus den Lautsprechern der Halle, obwohl die seit Jahren defekt waren: „Zeugen leben länger, wenn sie schweigen.“
Jonas packte Leas Hand. Sie rannten zwischen Ständen hindurch. Ein Schatten bewegte sich am oberen Geländer, ruhig, fast bedächtig. Kein hektischer Killer, kein Räuber. Jemand, der wusste, dass Panik die Arbeit erledigte.
Draußen, im Regen, bemerkte Lea ein Brennen an ihrem Unterarm. Sie zog den Ärmel hoch. Auf ihrer Haut schimmerte ein schwarzer Kreis, geteilt von einer feinen Linie, als wäre Tinte unter die Haut gelaufen.
Jonas starrte darauf. „Lea…“
„Sagen Sie nicht, dass es die letzte Phase ist.“
Er schwieg.
In diesem Schweigen begann sie zu begreifen, dass sie nicht mehr nur die Anwältin eines Falls war. Sie war Beweismittel.