Lea Winter arbeitete im zweiunddreißigsten Stock des Wiener Turms von AURENTA, einem Konzern, der Sensoren für Kliniken, Flughäfen und Gefängnisse herstellte. Ihr Büro hatte keine Fenster, obwohl sie zur Rechtsabteilung gehörte. Man nannte es scherzhaft den Beichtstuhl: Wer hineinmusste, kam selten so wieder heraus, wie er hineingegangen war.
An einem Montagmorgen stand Jonas Falk vor ihrer Tür. Er war neu, offiziell eingestellt als Leiter für „ethische Datenarchitektur“, ein Titel, der in Lea sofort Misstrauen auslöste. Zu gutes Lächeln, zu ruhige Stimme, zu teurer Mantel für jemanden, der angeblich aus einer insolventen Forschungsstiftung kam.
„Frau Winter“, sagte er, „ich habe eine Frage, die man nur einer Juristin stellt, die noch schlafen kann.“
Lea hob nicht den Blick von der Akte. „Dann sind Sie hier falsch.“
Er legte einen schwarzen USB-Stick auf ihren Schreibtisch. Darauf klebte ein winziges Etikett: NACHTPROTOKOLL 17.
Noch bevor Lea fragen konnte, was das sein sollte, flackerte ihr Bildschirm. Eine interne Warnmeldung erschien: ZUGRIFF AUF SICHERHEITSARCHIV – UNAUTORISIERT. Im selben Moment bekam sie eine Nachricht von ihrem Vorgesetzten, Dr. Marek Solt: Kommen Sie sofort in den Konferenzraum. Ohne Falk.
Lea sah Jonas an. In seinen Augen lag kein Triumph, sondern etwas Unbequemeres: Angst.
„Wenn ich Ihnen sage, was darauf ist“, flüsterte er, „werden Sie mich hassen. Wenn ich es nicht sage, werden heute Abend noch zwei Menschen verschwinden.“
Lea hätte ihn hinauswerfen müssen. Stattdessen steckte sie den USB-Stick in die Innentasche ihres Blazers. Das war ihr erster Fehler. Oder ihre erste Rettung.
Im Konferenzraum saßen bereits drei Vorstände und ein Mann, der sich nicht vorstellte. Er trug einen grauen Anzug und schwarze Handschuhe, obwohl der Raum warm war. Auf dem Tisch lag ein Foto: eine Frau auf Asphalt, die Augen offen, neben ihrem Handgelenk ein dunkler Fleck wie ausgelaufene Tinte.
„Das ist eine ehemalige AURENTA-Mitarbeiterin“, sagte Solt. „Sie hat Firmengeheimnisse verkauft. Die Polizei wird Fragen stellen. Sie werden antworten, Frau Winter. Präzise, begrenzt, loyal.“
Lea betrachtete das Foto. Der Tintenfleck auf der Haut der Toten war kein Fleck. Es war ein Symbol: ein Kreis, von einer senkrechten Linie durchtrennt. Dasselbe Zeichen hatte ihre Mutter ihr als Kind einmal auf einen Zettel gezeichnet, kurz bevor sie bei einem angeblichen Unfall starb.
Lea spürte, wie der Raum enger wurde.
„Natürlich“, sagte sie. „Ich bin loyal.“
Und wusste zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr, wem gegenüber.