Sie versteckten sich im Fitnessbereich der Führungsetage, zwischen Laufbändern, Chromgewichten und einer Glaswand, hinter der Wien im Abendlicht funkelte. Mara hatte ihre High Heels ausgezogen. Julian blutete am Handrücken, weil er eine Notausgangsscheibe eingeschlagen hatte.
„Setzen Sie sich“, befahl sie.
„Das ist keine gute Zeit für Fürsorge.“
„Ich bin Anwältin. Ich verarzte nur Beweise.“
Er lachte leise. Es war das erste Mal, dass sie ihn lachen hörte, und der Klang machte die Bedrohung für einen Augenblick unerträglich menschlich.
Während sie seine Hand mit einem Handtuch verband, erzählte er ihr von der Loge: einem informellen Kreis aus Vorständen, Richtern, Investoren und ehemaligen Ministerialbeamten, die ORPHEUS nicht als Wahrheitsmaschine betrachteten, sondern als Waffe. Eine Aussage konnte glaubwürdig gemacht werden. Oder lächerlich. Ein Zeuge konnte gerettet werden. Oder verschwinden, noch bevor jemand merkte, dass er wichtig war.
„Warum sind Sie nicht zur Staatsanwaltschaft gegangen?“ fragte Mara.
„Bin ich. Zweimal. Beim ersten Mal verschwanden die Unterlagen. Beim zweiten Mal starb mein Kontakt an einem Herzinfarkt mit 39.“
Mara dachte an die Nachricht: stirbt morgen jemand, der nie aussagen durfte.
„Wer ist der nächste Zeuge?“
Julian griff in die Innentasche seines Mantels und zog einen Speicherchip hervor. „Ein Mann namens Tom Sander. Nachttechniker im Datenzentrum. Er hat gesehen, wer Elins Rohdaten geändert hat. Er versteckt sich seit drei Tagen.“
„Und Sie?“
„Ich war der Köder.“
Mara sah ihn an. „Die Anhörung heute war Absicht.“
„Wenn die Loge glaubt, ich hätte keine Beweise mehr, führen sie mich vielleicht zu Tom.“
„Oder sie töten Sie.“
„Das war Teil der Kalkulation.“
Wut stieg in Mara auf. Nicht professionell, nicht kühl. Persönlich. „Sie haben mich hineingezogen, ohne mich zu fragen.“
„Ja.“
„Das ist arrogant.“
„Ja.“
„Und dumm.“
„Wahrscheinlich.“
„Und wenn ich Sie jetzt melde?“
Julian hielt ihrem Blick stand. „Dann hoffe ich, dass Sie wenigstens den Chip vorher kopieren.“
Mara wollte etwas Schneidendes sagen. Stattdessen fragte sie: „Warum vertrauen Sie mir so sehr?“
Er zögerte. „Weil Sie bei der Anhörung nicht auf Clarissa geschaut haben, als ich mich schuldig bekannte. Sie haben auf meine Hände geschaut. Sie suchen nicht nach Theater. Sie suchen nach Mechanik.“
Draußen im Flur summte der Aufzug.
Mara steckte den Chip in ihr Smartphone, aktivierte eine verschlüsselte Kopie und schickte sie an eine Adresse, die nicht einmal ihr Arbeitgeber kannte.
„An wen ging das?“ fragte Julian.
„An meine Schwester.“
„Ist sie Journalistin?“
„Schlimmer. Richterin.“
In diesem Moment ging das Licht aus. Über die Lautsprecher ertönte Clarissas Stimme: „Frau Voss, Herr Falk. Bitte bleiben Sie, wo Sie sind. Wir möchten nur reden.“
Mara hob eine Hantelstange auf.
Julian sah sie an. „Das ist Ihr Plan?“
„Damen zuerst“, sagte sie, „Lügen zuletzt.“
Dann schlug sie die Glaswand ein.