Nach der Anhörung folgte Mara ihm in den Archivtrakt, obwohl ihre Vernunft protestierte. Der Flur hinter den Vorstandsetagen war menschenleer, abgeschirmt gegen Kameras, eine Zone für Gespräche, die es nie gegeben hatte.
„Sie sollten mir nicht folgen“, sagte Julian, ohne sich umzudrehen.
„Sie sollten keine Drohungen auf mein Dienstgerät schicken.“
„Es war keine Drohung. Es war eine Frist.“
Er blieb vor einer Wand aus Brandschutztüren stehen. „Sie haben Zugriff auf das alte Mitarbeiterarchiv. Ich nicht mehr. Suchen Sie nach einer Frau namens Elin Karell. Externe Testzeugin, Frühjahr vor zwei Jahren. Ihre Aussage wurde aus dem ORPHEUS-System gelöscht.“
„Warum sollte ich Ihnen helfen?“
Julian drehte sich um. Aus der Nähe sah Mara die Müdigkeit in seinen Augen, aber auch etwas, das gefährlicher war: Schuld ohne Selbstmitleid.
„Weil Sie nicht bestochen sind“, sagte er. „Und weil Sie sich jeden Morgen einreden, dass das reicht.“
Sie hätte ihn ohrfeigen sollen. Stattdessen sagte sie: „Sie kennen mich nicht.“
„Ich kenne Ihre Entscheidungen. Sie haben vor acht Monaten den Verkauf der Gesichtsdatenbank nach Dubai blockiert. Vor fünf Monaten den internen Bericht über Medikamententests nicht weichgezeichnet. Vor drei Wochen Clarissa widersprochen, als alle anderen geschwiegen haben.“
„Das ist Recherche, keine Menschenkenntnis.“
„Vielleicht. Aber Recherche ist das Einzige, was in diesem Haus noch ehrlicher ist als Liebe.“
Das Wort hing zwischen ihnen, unverschämt und fehl am Platz. Mara hasste, dass sie rot wurde. Sie hasste noch mehr, dass Julian es bemerkte und sofort wegschauen wollte, als hätte er eine Grenze überschritten, die ihm wichtig war.
„Elin Karell“, wiederholte Mara. „Was ist mit ihr passiert?“
„Sie war Zeugin in einem Mordprozess gegen einen Polizeipräsidenten. ORPHEUS stufte ihre Aussage als hochgradig unglaubwürdig ein. Der Mann wurde freigesprochen. Drei Tage später starb Elin bei einem Autounfall.“
„Unfall?“
„Offiziell.“
Mara schwieg. Ein bekannter Druck baute sich in ihrer Brust auf: der Moment, in dem ein Fall aufhörte, Akte zu sein, und anfing, nach Blut zu riechen.
Julian trat näher. „Ich habe damals unterschrieben, dass die Analyse technisch korrekt war. Ich wollte meine Abteilung schützen. Meinen Ruf. Mein Team. Danach bekam ich die Rohdaten zu sehen. Elin hatte nicht gelogen. ORPHEUS war manipuliert.“
„Von wem?“
„Von der Loge.“
Mara lachte kurz. „Das klingt nach Verschwörungstheater.“
„Nein“, sagte Julian. „Nach Aufsichtsrat.“
Da öffnete sich am Ende des Flurs eine Tür. Zwei Sicherheitsleute traten heraus. Nicht hastig. Schlimmer: ruhig. Als hätten sie Zeit.
Julian packte Maras Hand. „Jetzt müssen Sie entscheiden, ob Sie an Kalender glauben – oder an Schicksal.“
Sie rannte mit ihm, bevor sie antworten konnte.