Mara Voss glaubte nicht an Schicksal. Sie glaubte an Kalender, Beweisketten und daran, dass Menschen lügen, sobald ihre Bonuszahlung groß genug war. Als leitende Compliance-Anwältin der Aureon-Gruppe, eines Tech-Konzerns mit Sitz in Wien, hatte sie gelernt, jedes Lächeln wie eine Bilanz zu lesen: Was wird gezeigt, was wird versteckt, und wer bezahlt am Ende den Preis?
An jenem Montagmorgen war der Konferenzsaal im 47. Stock zur Arena umgebaut worden. Nicht mit Sand, Schwertern und brüllenden Zuschauern, sondern mit poliertem Nussbaumholz, drei Kameras, einem unabhängigen Schiedsrat und einer internen Live-Übertragung für alle Führungskräfte Europas. Auf der Tagesordnung stand: „Sonderanhörung zum Fall Projekt ORPHEUS“.
Projekt ORPHEUS war Aureons Prestige: eine KI, die Zeugenaussagen in Gerichtsverfahren analysieren und Widersprüche erkennen sollte. Offiziell ein Werkzeug für Gerechtigkeit. Inoffiziell munkelte man, es sei längst an Sicherheitsbehörden verkauft worden, bevor es überhaupt geprüft war.
Der Angeklagte trat ohne Anwalt ein.
Julian Falk, ehemaliger Leiter der Ethikabteilung, trug keinen teuren Anzug, sondern einen dunkelgrauen Rollkragenpullover. Seine Hände waren leer, sein Blick nicht. Er sah nicht aus wie ein Verräter, dachte Mara gegen ihren Willen. Eher wie jemand, der zu lange wach gewesen war, um noch Angst vor dem Morgen zu haben.
„Herr Falk“, begann Vorstandschefin Clarissa Wendt mit honigsüßer Stimme, „Sie werden beschuldigt, vertrauliche Daten an die Presse weitergegeben und damit einen Börsenschaden von 312 Millionen Euro verursacht zu haben. Wie plädieren Sie?“
Julian blickte nicht zu Clarissa. Er sah Mara an.
„Schuldig“, sagte er. Ein Raunen ging durch den Saal. „Aber nicht dessen, was Sie mir vorwerfen.“
Mara spürte, wie sich die Atmosphäre veränderte. Die Vorstände hatten einen Schauprozess erwartet, ein Opfer für die Investoren. Doch Julian hatte das erste Blut gezogen, ohne die Stimme zu heben.
Clarissa lächelte dünn. „Dann erklären Sie uns doch, wessen Sie sich schuldig fühlen.“
„Ich habe zu spät begriffen, dass man eine Maschine, die Lügen erkennt, am leichtesten mit einer Lüge füttert.“
Auf Maras Tablet erschien in diesem Moment eine Nachricht von unbekannter Nummer: Wenn Sie heute nur zuhören, stirbt morgen jemand, der nie aussagen durfte.
Sie hob den Blick. Julian hatte sein Gesicht abgewandt. Aber seine rechte Hand lag auf dem Tisch, und zwischen Zeige- und Mittelfinger klebte ein winziger Papierstreifen. Darauf stand nur ein Wort: LOGE.
Mara wusste, dass dieser Tag ihre Karriere zerstören konnte. Noch nicht wusste sie, dass er ihr Herz ebenso gründlich gefährden würde.