Elias riss seine Pappschachtel auf. Keine Akten. Werkzeuge. Ein kompakter Signalstörer, eine dünne Metallkarte, ein Atemfilter.
„Sie haben das geplant“, keuchte Mara.
„Ich habe gehofft, es nicht zu brauchen.“
Er drückte ihr den Filter auf Mund und Nase, arbeitete an der Türkonsole. Die meditative Stimme zählte langsam rückwärts, als leite sie eine Entspannungsübung.
„Fünf. Lassen Sie los, was Ihnen nicht gehört. Vier. Schuld ist nur eine Geschichte.“
Mara tastete an der Wand entlang und fand eine Wartungsklappe. Dahinter Kabel, beschriftet nach einem System, das sie aus alten Helianthe-Handbüchern kannte. Ihr Vater hatte früher für einen Zulieferer gearbeitet. Vor zehn Jahren war er nach einem angeblichen Sabotagevorwurf ruiniert worden und kurz darauf verschwunden. Mara hatte nie erfahren, wer ihn verraten hatte.
Sie zog das gelb markierte Kabel. Alarm. Rotes Licht. Die Tür entriegelte.
Sie stolperten in den Flur. Elias fing sie auf, seine Hand warm an ihrem Rücken. Einen Atemzug lang waren sie zu nah, inmitten von Sirenen, und Mara hasste sich dafür, dass ihr Herz nicht nur vor Angst schlug.
„Die Stimme“, sagte sie. „Wer ist das?“
Elias’ Gesicht verfinsterte sich. „Noah Kern. Externer Krisenberater. Er verkaufte dem Vorstand Achtsamkeitsprogramme, während er Zeugen brach. Er nennt es kognitive Reinigung.“
„Ein Therapeut?“
„Ein Henker mit sanfter Stimme.“
Zurück im 57. Stock tobte das Atrium. Die Medien hatten von der Drohung erfahren. Vor dem Gebäude standen Übertragungswagen. Dr. Reimer behauptete öffentlich, Voss habe den Gaszwischenfall inszeniert. Carlotta Stein kündigte an, die interne Anhörung live zu übertragen, „damit die Wahrheit siegt“.
Mara verstand: Das Forum war keine Anhörung. Es war eine Arena. Wer dort stand, wurde nicht geprüft, sondern zerlegt.
In der Damentoilette fand sie auf dem Spiegel eine Nachricht, mit Lippenstift geschrieben: DU WARST DAMALS AUCH DA.
Ihre Hände begannen zu zittern. Ein Bild schoss in ihr hoch: Sie als Praktikantin, neunzehn, in einem Archivraum. Ihr Vater am Telefon. Eine Datei, die sie auf Bitte eines freundlichen Managers kopiert hatte. Sie hatte geglaubt, es ginge um eine harmlose Sicherung.
Der freundliche Manager war Jun Reimer gewesen.
Sie rannte zu seinem Büro. Leer. Auf seinem Schreibtisch lag eine Einladung zur morgigen Gerichtsverhandlung und ein Foto: Maras Vater, deutlich älter, in einem Rollstuhl, vor einer Klinik am See. Auf der Rückseite stand: ER ATMET NOCH, WENN DU STILL BIST.
Da begriff Mara, dass sie nicht nur Prüferin war. Sie war die Zeugin.
Und sie war längst gekauft worden, bevor sie wusste, dass es einen Preis gab.