Eine Stunde später saß Mara in einem fensterlosen Besprechungsraum. Reimer legte ihr eine Mappe hin. „Sie prüfen die Authentizität von Voss’ Unterlagen. Diskret. Keine Alleingänge.“
„Und die Drohung?“
„Ein billiger Einschüchterungsversuch.“
„Billig wirkt anders, wenn sie an alle Monitore geht.“
Reimers Lächeln blieb exakt gleich breit. „Sie wurden empfohlen, weil Sie nüchtern bleiben. Bleiben Sie es.“
In der Mappe fand Mara E-Mails, Protokolle, verschlüsselte Sprachnotizen. Alles deutete darauf hin, dass vor drei Jahren eine Diagnoseplattform der Helianthe AG fehlerhafte Risikowerte ausgespuckt hatte. In mehreren Kliniken waren dadurch Operationen verschoben worden. Menschen waren gestorben. Offiziell hatte man einen externen Dienstleister verantwortlich gemacht. Voss sollte die Vertuschung organisiert haben.
Doch die Metadaten erzählten eine andere Geschichte: Viele belastende Dokumente waren nachträglich verändert worden. Von einem Administrator-Konto, das längst gelöscht sein sollte.
Mara forderte Zugriff auf das Archiv an. Statt einer Freigabe kam Elias Voss.
„Sie dürfen nicht allein in den Altserverraum“, sagte er.
„Und Sie dürfen vermutlich gar nicht hier sein.“
„Ich habe eine Anhörung. Das ist nicht dasselbe wie Freiheit.“
Sie gingen dennoch zusammen. Der Altserverraum lag vier Etagen unter der Tiefgarage, hinter zwei Stahltüren. Zwischen surrenden Schränken roch es nach Staub, Ozon und vergessenen Entscheidungen.
Elias beobachtete sie, während sie Logfiles zog. „Sie suchen den falschen Täter.“
„Ich suche Daten.“
„Daten haben Eigentümer. Täter haben Angst.“
„Und Sie?“
Er schwieg. Dann sagte er: „Ich habe damals geschwiegen, weil meine Schwester in einer Helianthe-Klinik lag. Man machte mir klar, dass ihr Platz auf der Transplantationsliste sehr fragil sei.“
Mara hielt inne. „Ist sie…?“
„Sie lebt. Weil ich feige war.“
Für einen Moment klang in seiner Stimme kein Verteidigungswille, sondern Scham. Mara spürte, wie gefährlich das war: Mitleid ist im Beruf eine Tür, durch die man zu schnell geht.
Auf ihrem Bildschirm sprang ein Archivordner auf. Darin: ein Videofile, aufgenommen in einem Konferenzraum. Carlotta Stein saß am Tisch, neben ihr ein Mann mit Maske, nur die Hände sichtbar. Stein sagte: „Voss bekommt die Schuld. Die Zeugin unterschreibt die Gedächtnislücke.“
Mara wurde kalt. „Welche Zeugin?“
Hinter ihnen fiel die Stahltür ins Schloss.
Aus den Lautsprechern des Serverraums kam eine ruhige, fast meditative Stimme: „Atmen Sie ein. Atmen Sie aus. Wer zu viel Wahrheit einatmet, erstickt.“
Dann begann die Lüftung, Gas in den Raum zu pumpen.