Als Mara Feld an ihrem ersten Montag im Hauptquartier der Helianthe AG den gläsernen Fahrstuhl betrat, spiegelte sich Wien unter ihr wie ein Modell aus Silber und Regen. Im 57. Stock wartete ihre neue Stelle: interne Compliance-Prüferin, befristet auf sechs Monate, mit dem Auftrag, Ordnung in ein Unternehmen zu bringen, das sich selbst für unantastbar hielt.
Neben ihr stand ein Mann in einem dunkelgrünen Mantel, der nicht zu den polierten Managern passte. Er trug keinen Ausweis sichtbar, hatte eine kleine Narbe am Kinn und hielt eine Pappschachtel mit Akten, als wäre sie schwerer als Beton.
„Sie sind neu“, sagte er, ohne sie anzusehen.
„Und Sie sind zu direkt.“
Da lächelte er zum ersten Mal. „Direktheit spart Zeit. In diesem Haus wird ohnehin genug gelogen.“
Bevor Mara antworten konnte, blieb der Fahrstuhl ruckartig stehen. Das Licht flackerte. Für drei Sekunden war alles schwarz. Dann ein metallisches Knacken, ein Notlicht, sein Atem in der Nähe.
„Keine Panik“, sagte der Mann.
„Ich hatte keine.“
„Gut. Panik ist hier oben ansteckend.“
Als die Türen sich nach einer Minute öffneten, warteten zwei Sicherheitsleute. Einer nickte dem Mann frostig zu. „Herr Voss. Der Vorstand erwartet Sie im Atrium.“
Mara kannte den Namen sofort. Elias Voss. Ehemaliger Chef der Strategiestelle. Vor zwei Jahren als Kronzeuge in einem Verfahren um manipulierte Kliniksoftware gehandelt, dann plötzlich selbst angeklagt: Datenvernichtung, Bestechung, fahrlässige Tötung durch vertuschte Systemfehler. Die Medien nannten ihn den „Architekten des Schweigens“.
Und nun stand er hier mit einer Pappschachtel.
Im Atrium drängten sich Angestellte um eine riesige kreisrunde Glasfläche im Boden. Darunter lag das „Forum“, eine abgesenkte Arena, in der die Helianthe AG ihre berüchtigten internen Anhörungen abhielt. Wer dort verlor, verlor Karriere, Ruf und manchmal mehr.
Maras neuer Vorgesetzter, Dr. Jun Reimer, begrüßte sie ohne Händedruck. „Frau Feld. Gut, dass Sie da sind. Wir haben eine Sonderlage.“
Unten im Forum trat Elias Voss in den Lichtkreis. Auf der gegenüberliegenden Seite stand Vorstandschefin Carlotta Stein, elegant, weißblond, mit dem Gesicht einer Richterin. Kameras fuhren aus der Decke.
„Heute“, sagte Reimer leise, „beginnt die finale interne Beweisaufnahme. Morgen entscheidet das Handelsgericht über die Zulassung der Helianthe-Fusion. Herr Voss behauptet, Beweise zu haben, die alles stoppen könnten.“
Mara sah durch das Glas hinunter. Elias blickte plötzlich auf, direkt zu ihr. Nicht bittend. Warnend.
Dann flackerte auf allen Monitoren eine Nachricht auf: WENN DIE ZEUGIN SPRICHT, STIRBT DER NÄCHSTE.
Im Atrium schrie jemand.