Die Arena war kein Ort, den Helion in Geschäftsberichten erwähnte. Offiziell hieß sie Demonstrationszentrum für physische Sicherheitsprotokolle. Inoffiziell ließen dort Vorstandskandidaten Krisensimulationen durchlaufen: Verhandlungen unter Schlafentzug, Drohnenangriffe, Geiselübungen, strategische Duelle. Wer gewann, stieg auf. Wer verlor, blieb Abteilungsleiter oder verschwand höflich aus der Organisation.
Mara hielt es zuerst für eine absurde Mischung aus Elite-Seminar und Gladiatorenspiel, bis sie die Ränge sah.
Unter dem Hauptgebäude lag ein kreisförmiger Saal mit schwarzem Boden und gläsernen Kabinen. An den Wänden hingen keine Schwerter, sondern Sensorstäbe, Elektroschilde, Betäubungsnetze. Alles nicht tödlich, jedenfalls auf dem Papier. Auf einer Tribüne saßen bereits fünf Mitglieder des Aufsichtsrats. Unter ihnen: Constanze Ried, Finanzchefin, erste Frau, die bei Helion jemals ein Ressort geführt hatte, berühmt für ihre „Ladies First“-Initiative, gefürchtet für ihre Entlassungslisten.
Mara verstand plötzlich die Botschaft auf dem Foto.
Die Frau, die zuerst sprach.
Constanze Ried hatte nach dem Unfall als Erste die These vom menschlichen Fehler formuliert. Sie hatte Leanders Abteilung öffentlich verantwortlich gemacht, bevor die Untersuchungen begonnen hatten. Sie hatte Mara persönlich mit der Ermittlung betraut.
„Frau Seidel“, rief Constanze von oben, freundlich wie eine Klinge. „Sie sind zu früh. Das Tribunal wird erst morgen fortgesetzt.“
„Wo ist Nika Brandt?“
Constanze legte den Kopf schief. „Ich hoffe, in Sicherheit.“
Leander trat neben Mara. „Hören Sie auf.“
„Womit?“ Constanze lächelte. „Mit dem Schutz dieses Unternehmens vor einem Mann, der seine Unterschrift unter den Tod von sieben Menschen gesetzt hat?“
„Sie haben meine Signatur kopiert.“
Ein leises Lachen ging durch die Kabinen. Constanze erhob sich. „Beweisen Sie es.“
In der Mitte der Arena flackerte ein Bildschirm auf. Nika erschien, gefesselt an einen Stuhl, irgendwo in einem fensterlosen Raum. Neben ihr lief ein Timer: 00:41:59.
Mara spürte, wie ihre Kehle trocken wurde.
Constanze sagte: „Wir spielen eine alte Helion-Regel. Wer eine Anschuldigung erhebt, muss sie im Stresstest verteidigen. Herr Voss tritt gegen meinen Kandidaten an. Gewinnt er, erhalten Sie den Standort der Zeugin. Verliert er, endet diese peinliche Verzögerung, und das Tribunal fällt sein Urteil.“
Aus einer Seitentür trat ein Mann in Trainingskleidung, breit, ruhig, mit der Körperhaltung eines ehemaligen Profisportlers. Mara erkannte ihn: Silas Kern, Leiter Werkschutz, früher Militärpolizei.
Leander nahm einen Sensorstab vom Halter.
„Nein“, sagte Mara.
Er sah sie an. „Ich kann das.“
„Darum geht es nicht.“ Sie wandte sich an Constanze. „Ihre Regel sagt: Wer die Anschuldigung erhebt. Das war ich. Ich trete an.“
Für einen Moment war es vollkommen still.
Constanzes Lächeln wurde schmal. „Sie haben keine Ausbildung.“
Mara griff nach einem Elektroschild. „Ich hatte sechs Jahre lang eine ältere Schwester.“
Leander flüsterte: „Mara, bitte.“
Sie trat in den Kreis. Über ihr zählte der Timer weiter. Silas Kern verneigte sich knapp, fast respektvoll.
Der erste Schlag riss ihr den Schild aus der Hand. Der zweite traf ihre Schulter, betäubte den Arm. Schmerz explodierte weiß hinter ihren Augen. Auf der Tribüne rührte sich niemand. In Maras Kopf stieg ein absurder Gedanke auf: Atmen. Nicht gewinnen. Beobachten.
Silas war stärker, schneller, disziplinierter. Aber er sah jedes Mal vor dem Angriff nach links, kaum merklich, zu Constanze. Nicht wie ein Kämpfer, der Erlaubnis suchte. Wie jemand, der ein Signal empfing.
Mara ließ sich fallen, als der nächste Schlag kam. Silas stolperte über ihren ausgestreckten Fuß. Sein Ärmel rutschte hoch. Darunter klebte ein hauchdünnes Steuerpflaster, verbunden mit einem Mikroimpulsgeber.
Sie riss es ab.
Silas erstarrte, als hätte jemand ihn aus einem Traum geweckt. Dann sah er Constanze an. „Sie sagten, es sei nur Fokusunterstützung.“
Constanze stand auf. „Beenden Sie es.“
Doch Silas ließ den Stab sinken.
Mara hob das Pflaster in die Kamera. „Manipulation im Stresstest. Ich verlange den Standort der Zeugin.“
Der Bildschirm flackerte. Nikas Bild verschwand. Stattdessen erschien eine Adresse: ein stillgelegtes Helion-Labor am Stadtrand.
Darunter stand ein neuer Timer.
00:17:00.