Die Pause wurde nicht offiziell verkündet, sie brach aus wie ein Stromausfall. Journalistinnen stürzten zu ihren Geräten, Aufsichtsräte tuschelten, Sicherheitsleute stellten sich vor die Türen. Mara zog sich in den Archivraum zurück, wo die Wände mit Schallschutz ausgekleidet waren und selbst der Kaffee nach Geheimhaltung schmeckte.
Leander wurde ihr auf eigenen Wunsch zugeführt. Zwei Sicherheitskräfte blieben vor der Tür. Zwischen Mara und ihm stand ein Tisch, auf dem eine Kanne Wasser, zwei Gläser und ein Dossier lagen, das schwerer wirkte als manche Biografie.
„Sie hätten mir sagen können, wer Sie sind“, sagte Mara.
Leander lächelte nicht. „In der Bar? Sie hätten mir auch sagen können, dass Sie die Frau sind, die eines Tages meine Karriere beerdigt.“
„Ich wusste es damals nicht.“
„Ich auch nicht.“
Für einen gefährlichen Moment glaubte sie ihm. Dann erinnerte sie sich an die Fotos der Arbeiter, an die Witwe eines Elektrikers, die in Maras Büro gesessen und gefragt hatte, ob ihr Mann wenigstens schnell gestorben sei.
„Wo ist Nika Brandt?“, fragte Mara.
„Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht hier.“
„Sie war Ihre Assistentin.“
„Sie war die einzige im Vorstandsbüro, die keine Angst vor Zahlen hatte.“ Leander beugte sich vor. „Zwei Tage nach dem Unfall fand sie eine zweite Datenkette in unserem Archiv. Jemand hatte Wartungsberichte nachträglich ersetzt. Nicht gelöscht. Ersetzt. Das macht man nur, wenn man will, dass die Lüge perfekt aussieht.“
Mara öffnete das Dossier. Nika Brandt: zweiunddreißig, Datenanalystin, früher Turnierfechterin, Mutter einer sechsjährigen Tochter. Seit neun Tagen krankgemeldet, seit vier Tagen nicht erreichbar. Ihre Wohnung: leer. Ihr Konto: eingefroren. Ihr Firmenzugang: gelöscht.
„Warum ist sie nicht zur Polizei gegangen?“
„Weil Helion die Polizei beliefert. Drohnen, Forensiksoftware, Kommunikationsfilter. Glauben Sie, Macht endet an unserer Drehtür?“
Mara hasste Sätze, die zu dramatisch klangen und trotzdem wahr sein konnten.
„Und warum sollte ich Ihnen helfen?“
Leander sah auf das Wasser, als läge darin eine Antwort. „Weil Sie vorhin nicht triumphiert haben, als ich die Signatur zugab. Sie waren erschrocken. Sie wollen nicht gewinnen, Sie wollen wissen.“
Draußen klopfte jemand. Nicht die Sicherheitsleute. Ein leises, dreimaliges Klopfen. Mara öffnete nicht. Unter der Tür wurde ein Umschlag hindurchgeschoben.
Darin lag ein einzelnes Foto. Es zeigte Nika Brandt in einer Tiefgarage, mit blutiger Lippe und einem Schild in der Hand: FRAGT DIE FRAU, DIE ZUERST SPRACH.
Auf der Rückseite stand eine Uhrzeit: 18:00.
Leander wurde blass. „Das ist kein Hinweis“, flüsterte er. „Das ist eine Einladung.“
„Wohin?“
Er hob den Blick. „In die Arena.“