Als Mara Seidel am Montagmorgen den Aufzug im Turm der Helion-Gruppe betrat, roch er nach kaltem Metall, teurem Parfum und Panik. Im zweiundvierzigsten Stock sollte an diesem Tag kein normales Meeting stattfinden, sondern ein öffentlich übertragenes internes Tribunal: zwölf Aufsichtsräte, drei externe Prüfer, ein Saal voller Journalistinnen und ein Beschuldigter.
Der Beschuldigte hieß Leander Voss.
Mara kannte ihn nur aus Akten, Schlagzeilen und einer einzigen Nacht, die sie seit sechs Wochen konsequent aus ihrem Gedächtnis zu verbannen versuchte. Damals hatte sie in einer überfüllten Bar nahe des Donaukanals mit einem Fremden über italienischen Espresso, schlechte Führungskultur und die Einsamkeit ehrgeiziger Menschen gesprochen. Er hatte gelacht, als sie sagte, Macht mache Männer meist unkreativ. Sie hatte gelacht, als er antwortete, dass Angst dasselbe mit Frauen tue.
Sie hatten sich geküsst. Nicht lange. Nicht genug, um es Liebe zu nennen. Aber zu lange, um heute unbefangen zu bleiben.
Jetzt saß Leander Voss hinter Glas am Ende des Tribunalsaals, Vizevorstand für Expansion, goldenes Kind der Helion-Gruppe, angeblich verantwortlich für den Tod von sieben Arbeitern in einer unterirdischen Testanlage in Kärnten. Offiziell war es ein technischer Unfall gewesen. Inoffiziell sprach die Stadt von vertuschten Sicherheitsmängeln, manipulierten Protokollen und einer Zeugin, die plötzlich verschwunden war.
Mara war nicht Staatsanwältin, nicht Richterin, nicht Henkerin. Sie war Leiterin der internen Ermittlungen und sollte dem Tribunal die Beweise präsentieren. Wenn sie sauber arbeitete, würde Leander fallen. Wenn sie zweifelte, fiel sie mit.
„Frau Seidel“, sagte der Vorsitzende mit einer Stimme wie poliertes Holz, „beginnen Sie.“
Mara aktivierte die Projektion. Diagramme schwebten über dem Tisch: Temperaturspitzen, Wartungsberichte, Budgetkürzungen. Ihr Blick streifte Leander. Er wirkte nicht gebrochen, nur müde. Seine Hände lagen ruhig auf dem Tisch, aber an seinem rechten Daumen sah sie einen winzigen Schnitt, frisch, als hätte er sich morgens beim Rasieren abgelenkt verletzt.
„Am 14. März wurde die Notlüftung der Testanlage Delta-3 für acht Minuten deaktiviert“, begann Mara. „Die Freigabe erfolgte mit der digitalen Signatur von Herrn Voss.“
Ein Raunen ging durch den Saal.
Leander hob den Kopf. „Diese Signatur ist echt“, sagte er.
Mara erstarrte. Ein Schuldiger hätte geleugnet. Ein Unschuldiger auch.
„Aber ich habe sie nicht gesetzt“, fügte er hinzu. „Und die einzige Person, die beweisen kann, wer es war, ist nicht verschwunden. Sie versteckt sich.“
Der Vorsitzende schlug mit dem Stift auf den Tisch. „Herr Voss, Sie sprechen nur, wenn—“
„Sie heißt Nika Brandt“, sagte Leander und sah Mara direkt an. „Und wenn sie heute nicht gefunden wird, stirbt sie vor Mitternacht.“
In Maras Ohr vibrierte ihr Diensttelefon. Eine unbekannte Nummer. Sie nahm nicht ab. Sekunden später erschien eine Nachricht auf dem Display: Wenn du Voss vertraust, verlierst du alles. Wenn du ihm nicht vertraust, stirbt Nika.