Die Ermittlungen begannen wie ein Meeting: chaotisch, eitel, voller Unterbrechungen. Mara ordnete Zeiten, Leon prüfte Zugangskarten, Selin spielte Aufzeichnungen ab, wann immer jemand log. Es war grausam effektiv.
Rehm war um 20:13 Uhr auf der geheimen Etage angekommen. Um 20:41 Uhr starb er. In dieser Zeit hatten sechs Personen Zugang. Bruno Falk behauptete, im Privatclub gewesen zu sein. Vera Kelm gab zu, mit Rehm gestritten zu haben, aber nur „über Prinzipien“. Der Personalchef schwieg so auffällig, dass selbst die Kameras ihn misstrauisch anzustarren schienen.
Leon fand die erste echte Spur im zerbrochenen Glas: kein Gift, sondern ein Beruhigungsmittel, wie es Helion bei internen „Stress-Retreats“ verteilte. Achtsamkeit als Waffe, dachte Mara. Atmen Sie tief ein, während wir Sie ausschalten.
„Murder mindfully“, murmelte Leon.
„Mach keine Witze.“
„Ich mache keine. Das Zeug ist aus unserem Wellness-Programm.“
Mara sah ihn an. „Unserem?“
Er griff in seine Jacke und zog eine Karte heraus. Mitgliedschaft: Arena-Kreis. Sein Foto. Seine Unterschrift.
Für einen Moment hörte Mara nur ihr eigenes Blut.
„Du gehörst dazu.“
„Gehörte“, sagte er. „Ich bin eingestiegen, um aufzusteigen. Dann habe ich gesehen, was sie tun.“
„Und bist geblieben.“
„Um Beweise zu sammeln.“
„Das sagen sie alle, wenn sie erwischt werden.“
Sein Gesicht veränderte sich. Keine Verteidigung mehr. Nur Scham.
„Mein Bruder bekam keinen Kredit für eine Behandlung, weil ein Helion-Profil ihn als ‚niedrige Rückzahlungswahrscheinlichkeit‘ markierte. Er starb, während ich für dieselbe Firma Wachstumspläne schrieb. Ich wollte wissen, wer das System gebaut hat.“
Mara wollte ihm nicht glauben. Aber sie wollte auch nicht, dass es gelogen war.
Selin unterbrach sie. „Interessant. Romantik auf der Anklagebank.“
„Was wollen Sie wirklich?“, fragte Mara.
Selin zog einen weiteren Umschlag hervor. Darin lag kein Dokument, sondern eine Speicherkarte.
„Ein Geständnis. Nicht irgendeins. Das richtige.“
Der Personalchef sprang auf. „Das ist Wahnsinn!“
Selin drückte eine Taste. Auf dem Bildschirm erschien er in einem Video, wie er Rehm in den 27. Stock führte. Doch kurz vor dem Mord verließ er den Raum. Der Täter musste jemand anders sein.
Dann zeigte die Kamera eine Hand, die den goldenen Kronenpin vom Revers nahm und neben Rehm fallen ließ. Eine Frauenhand. Weiß lackierte Nägel.
Alle blickten zu Vera Kelm.
Sie hob die Hände. Ihre Nägel waren rot.
Selin lächelte bitter. „Manchmal ist das Offensichtliche nur die Probeaufnahme.“
Mara drehte sich langsam um. Weiße Handschuhe. Selins Hände waren verborgen.
„Zeigen Sie Ihre Nägel“, sagte Mara.
Selin tat es. Unter den Handschuhen: kurz, unlackiert, verletzt.
Da lachte Bruno Falk. Zu laut. Zu erleichtert.
Mara sah auf seinen goldenen Pin. Er war nicht an seinem Revers. Aber in seinem Umschlag hatte sie etwas bemerkt: ein Foto seiner Assistentin, Jana, die immer weiße Nägel trug – und heute fehlte.
„Wo ist Jana Ried?“, fragte Mara.
Brunos Gesicht wurde leer.
In der Wand öffnete sich eine versteckte Tür. Eine junge Frau trat heraus, blass, mit weiß lackierten Nägeln und einer Pistole in der Hand.
„Hier“, sagte Jana. „Und ich habe Rehm nicht getötet. Ich habe versucht, ihn zu retten.“