Der Vorstandsvorsitzende Bruno Falk verlangte sofortige Evakuierung. Als Mara ihn fragte, warum es überhaupt eine geheime Etage gebe, wurde er still. Das war die erste Antwort.
Die unbekannte Frau stellte sich als Selin Arat vor, frühere Sicherheitsanalystin, angeblich vor zwei Jahren entlassen wegen „emotionaler Instabilität“. Mara erinnerte sich an den Fall: ein sauberer Aktenvermerk, eine Abfindung, eine digitale Schweigeklausel. Zu sauber.
„Sie haben Kameras manipuliert“, sagte Leon zu Selin.
„Nein“, erwiderte sie. „Ich habe nur das Licht eingeschaltet.“
Selin legte zwölf Umschläge auf den Tisch. Jeder trug einen Namen. Jeder enthielt eine Tat: Insiderhandel, Datenverkauf, Bestechung, Erpressung. Mara fand in ihrem Umschlag nur ein Foto von sich selbst, aufgenommen im Parkhaus. Darunter stand: Du hast weggesehen, als es bequem war.
Sie hasste, dass es stimmte.
Vor einem Jahr hatte ein Praktikant versucht, ihr von einem internen Spiel zu erzählen – „Arena“, hatte er es genannt. Ein informeller Wettbewerb, bei dem Führungskräfte riskante Deals gegeneinander ausspielten. Wer den größten Markt eroberte, stieg auf. Wer scheiterte, wurde geopfert. Mara hatte den Hinweis geprüft, nichts gefunden, weitergemacht.
Jetzt standen sie in dieser Arena.
„Rehm war nicht zufällig hier“, sagte Selin. „Er wollte aussagen. Jemand hat ihn gestoppt.“
Bruno Falk lachte hart. „Eine entlassene Mitarbeiterin spielt Richterin. Wie originell.“
Selin beugte sich vor. „Nein, Herr Falk. Richter waren Sie lange genug.“
Mara bemerkte etwas: Selin sprach nicht wie eine Erpresserin. Sie sprach wie jemand, der zu lange im Keller geschrien hatte.
Leon zog Mara zur Seite. „Wir arbeiten zusammen. Nur bis Mitternacht.“
„Und danach?“
„Danach entscheidest du, ob du mich noch verhaften willst.“
„Noch?“
Er lächelte nicht. Zum ersten Mal wirkte er müde. „Mein Name steht bestimmt auch in einem Umschlag.“
In diesem Moment flackerte der Hauptbildschirm. Ein Video startete: Dr. Rehm, lebendig, nervös, aufgenommen Stunden vor seinem Tod.
„Wenn Sie das sehen“, sagte er, „dann hat Helion nicht nur Daten verkauft. Sie haben Menschen bewertet. Versicherungen, Kredite, medizinische Prioritäten – alles beeinflusst durch geheime Prognoseprofile. Und die Entscheidung, wer Zugang bekommt, fiel nicht in Algorithmen. Sie fiel in einem Raum ohne Fenster.“
Der Bildschirm wurde schwarz.
Dann ertönte Applaus aus der Dunkelheit. Ein Vorstandsmitglied, Finanzchefin Vera Kelm, klatschte langsam.
„Endlich“, sagte sie. „Jetzt können wir aufhören, so zu tun, als wäre Moral ein Geschäftsmodell.“