Mara Voss hatte gelernt, in Konferenzräumen nicht zu blinzeln. Wer blinzelte, verlor zuerst den Blickkontakt, dann das Budget und am Ende die eigene Geschichte. Bei Helion Crown, dem größten Energiedaten-Konzern Mitteleuropas, war sie Leiterin der internen Integritätseinheit – ein Titel, der auf Visitenkarten glänzte und in Wahrheit bedeutete, dass jeder sie hasste, bevor er mit ihr sprach.
An diesem Montagmorgen fuhr sie mit dem Glasaufzug in den 26. Stock, als plötzlich alle Lichter flackerten. Der Aufzug ruckte, fuhr weiter – und zeigte eine Zahl, die es im Gebäudeplan nicht gab: 27.
Neben ihr stand Leon Aster, Leiter der Abteilung Strategische Expansion. Zu schönes Lächeln, zu teure Uhr, zu ruhige Stimme. In jeder Vorstandssitzung stellte er Fragen, die wie Komplimente klangen und wie Messer endeten. Mara hatte sich vorgenommen, ihn nicht attraktiv zu finden. Das Vorhaben war bisher nur mäßig erfolgreich.
„Ich dachte, du glaubst nicht an Geisteretagen“, sagte Leon.
„Ich glaube an falsch deklarierte Nutzflächen und Steuerbetrug.“
Die Türen öffneten sich.
Dahinter lag kein Büro, sondern ein Saal aus Beton, Lichtstreifen und Kameras. In der Mitte: ein runder Tisch, umgeben von zwölf Stühlen. An der Wand hing ein alter Firmenleitsatz: WER RISKIERT, REGIERT.
Auf dem Boden lag ein Mann im grauen Anzug. Blut an der Schläfe. Daneben ein zerbrochenes Weinglas und ein goldener Firmenpin in Form einer Krone.
Mara ging in die Hocke. Sie kannte ihn: Dr. Niklas Rehm, externer Prüfer, der am nächsten Tag einen Bericht über Helions geheime Datenauktionen vorstellen sollte.
Leon fluchte leise. „Wir müssen die Polizei rufen.“
„Nein“, sagte eine Stimme aus den Lautsprechern.
Die Kameras sprangen an. Auf einem Bildschirm erschien keine Person, nur ein schwarzer Hintergrund mit einer verzerrten Frauenstimme.
„Willkommen zur Urteilsnacht. Zwölf Führungskräfte, ein Toter, eine Firma voller Lügen. Wenn die Polizei vor Mitternacht eintrifft, wird der Bericht gelöscht – und mit ihm die Beweise gegen alle.“
Mara spürte, wie der Raum kälter wurde.
„Sie haben acht Stunden“, sagte die Stimme. „Findet den Schuldigen. Oder ich sende alles live.“
Dann öffneten sich Seitentüren. Vorstandsmitglieder traten ein, bleich, wütend, schlaflos. Und hinter ihnen: eine Frau mit weißen Handschuhen, die niemand zu kennen schien.
Sie setzte sich auf den dreizehnten Stuhl.
„Ich bin nur die Zeugin“, sagte sie. „Aber heute hört mir endlich jemand zu.“