Mara erstarrte. Leon hob langsam den Blick zur Decke. In der Ecke, über einem Bambusregal, blinkte ein winziger Punkt.
„Wenn sie uns helfen will, warum ruft sie nicht an?“, flüsterte Mara.
„Weil sie entweder echt ist“, sagte Leon, „oder gut spielt.“
Die Stimme draußen blieb ruhig. „Ich weiß, dass Dr. Brenner tot ist. Ich weiß, dass Sie den Datenträger haben. Und ich weiß, dass Ihr Bruder bereits in Sicherheit ist – wenn Sie jetzt kooperieren.“
Mara riss die Tür auf.
Vor ihnen stand eine Frau Mitte vierzig mit kurzem grauem Haar, nassem Mantel und einem Blick, der nicht um Erlaubnis bat. Neben ihr wartete ein uniformierter Polizist. Oder jemand, der eine Uniform trug.
„Ausweise“, sagte Mara.
Reva Lenz zeigte ihren Dienstausweis. Leon prüfte ihn, als könnte er Lügen riechen. „Warum sind Sie hier?“
„Weil ich seit einem Jahr gegen Hohenfeld ermittle. Weil mir Zeugen sterben. Und weil Frau Seidel heute etwas getan hat, wofür andere zu ängstlich waren.“
„Schmeichelei ist kein Sicherheitskonzept“, sagte Mara.
Ein Hauch von Respekt glitt über Revas Gesicht. „Gut. Dann Fakten: Die Pressekonferenz um achtzehn Uhr ist eine Falle. Hohenfeld wird Sie dort als psychisch instabile Mitarbeiterin darstellen, die aus enttäuschter Liebe zu Herrn Falk Daten manipuliert hat.“
Mara fuhr herum. „Enttäuschte Liebe?“
Leon hob beide Hände. „Ich wusste von diesem Teil nichts.“
Reva reichte ihr ein Tablet. Darauf waren gefälschte Chatverläufe zwischen Mara und Leon: intime Nachrichten, Eifersucht, Drohungen gegen den Vorstand. Perfekt formuliert. Zu perfekt. Die Mara in den Nachrichten klang wie jemand, der in einer schlechten Serie lebte.
„Wenn Sie auftauchen“, sagte Reva, „kontrolliert er die Erzählung. Wenn Sie verschwinden, kontrolliert er die Beweise. Also machen wir etwas Drittes.“
„Was?“
„Wir bringen seine Arena vor Gericht, bevor er sie räumt.“
Leon lachte trocken. „Das dauert Monate.“
„Nicht, wenn heute Abend ein Haftprüfungstermin wegen akuter Verdunkelungsgefahr beantragt wird. Ich brauche eine Zeugin, die unter Eid aussagt, bevor die Gegenseite merkt, dass wir den Ort kennen.“
Mara sah zum Datenträger. „Und wenn die Beweise nicht reichen?“
„Dann verlieren wir. Und Sie verlieren mehr als Ihren Job.“
Ihr Handy vibrierte erneut. Jonas schrieb: Bin bei Mama. Polizei hier. Was ist los?
Mara atmete aus. Zum ersten Mal seit Brenners Tod löste sich etwas in ihrer Brust.
Dann kam die zweite Nachricht von Jonas:
Warum sagt der Polizist, du hättest jemanden erstochen?
Reva griff nach dem Handy. „Mist.“
Leon trat zur Tür. „Sie haben die Familie doch nicht gesichert.“
Revas Gesicht verhärtete sich. „Nicht meine Leute.“
Für eine Sekunde begriff Mara das ganze Ausmaß. Hohenfeld hatte nicht nur Geld, Anwälte und Sicherheitskräfte. Er hatte Stimmen in Uniform, Akten in Behörden, Zweifel in jedem Raum, den sie betreten würde.
„Ich fahre zu meiner Familie“, sagte sie.
„Dann gewinnen sie“, entgegnete Reva.
„Wenn ich nicht fahre, verlieren sie mich.“
Leon trat näher. „Mara.“ Es war das erste Mal, dass er ihren Vornamen sagte. Er klang darin nicht wie ein Gegner. „Ich fahre zu ihnen.“
„Nein.“
„Doch. Sie sind die Zeugin. Ich bin nur der Mann in den gefälschten Chats.“
„Sie sind nicht nur das.“
Der Satz hing zwischen ihnen, unprofessionell, gefährlich, lebendig.
Reva sah auf die Uhr. „Wir teilen uns. Falk holt die Familie. Seidel kommt mit mir zum Gericht. Und wenn einer von Ihnen beiden romantische Heldentode plant, verschieben Sie das bitte bis nach der Aussage.“
Mara musste trotz allem kurz lachen.
Leon nahm ihr den Datenträger nicht ab. Stattdessen legte er ihr seine Visitenkarte in die Hand. Auf der Rückseite stand eine Adresse: KEIN BÜRO. KEIN TELEFON. NUR WENN ALLES BRENNT.
„Was ist das?“
„Mein letzter sicherer Ort.“
„Sie haben wirklich ein Talent, Vertrauen gruselig zu machen.“
Er beugte sich näher. „Und Sie haben ein Talent, mir Angst zu machen.“
Dann ging er.
Fünf Minuten später wurde sein Wagen in der Tiefgarage von einer Explosion erfasst.