Leon zog Mara in den Seitengang, bevor ihr Verstand begriff, dass Flucht bereits begonnen hatte. Hinter ihnen hallten Schritte, kontrolliert und schnell.
„Woher wussten Sie, dass etwas passiert?“, keuchte Mara.
„Weil Brenner mich vor zwanzig Minuten angerufen hat.“
„Und das sagen Sie jetzt?“
„Er sagte nur: Wenn Seidel präsentiert, geht das Spiel auf Leben und Tod.“
Sie erreichten eine Brandschutztür. Leon tippte einen Code ein. Die Tür sprang auf.
„Warum haben Sie Zugang zu Notwegen?“
„Weil ich paranoider bin als Ihre Prüfberichte.“
Im Treppenhaus blieb Mara stehen. „Ich komme nicht mit Ihnen, bevor Sie mir sagen, auf welcher Seite Sie stehen.“
Leon drehte sich um. Zum ersten Mal war die Ruhe aus seinem Gesicht verschwunden. „Auf der Seite meiner Schwester. Sie starb während des NordCare-Ausfalls. Drei Stunden kein Zugriff auf ihre Medikationsdaten. Offiziell menschliches Versagen.“
Mara schluckte. „Das wussten Sie?“
„Ich wusste, dass Hohenfeld lügt. Ich wusste nicht, wie.“ Er blickte auf den Datenträger in ihrer Hand. „Jetzt vielleicht schon.“
Sie flohen nicht aus dem Gebäude, sondern nach unten in den Bereich, den Mitarbeiter nur als „Fitnessdeck“ kannten: ein luxuriöser Wellnesskomplex für Führungskräfte mit Glaswänden, Zen-Garten und einem Boxring, in dem Manager ihre Aggressionen unter Anleitung „achtsam verarbeiten“ konnten. Das Programm hieß Mindful Impact.
Mara hätte gelacht, wenn sie nicht eine Leiche gesehen hätte.
Leon führte sie in einen kleinen Meditationsraum, verriegelte die Tür und schaltete das Licht aus. Draußen liefen Sicherheitsleute vorbei.
„Brenner sagte: die Arena“, flüsterte Mara.
Leon nickte langsam. „So nennen sie die Simulationen.“
„Welche Simulationen?“
„Hohenfeld testet Krisenreaktionen. Hackerangriffe, Medienlecks, Panik in Kliniken. Führungskräfte treten gegeneinander an. Wer die beste Strategie liefert, steigt auf. Wer scheitert, wird entfernt.“
„Entlassen?“
Leon sah sie an.
Mara wurde kalt. „Sie meinen nicht entlassen.“
Er antwortete nicht.
Auf dem Datenträger fand sich eine einzige verschlüsselte Datei. Mara nutzte Brenners Notfalltool, das er offenbar vorbereitet hatte. Nach zehn Minuten erschien ein Video.
Konrad Hohenfeld stand in einem schwarzen Raum vor einer halbkreisförmigen Tribüne. Keine antiken Säulen, keine Schwerter – nur Bildschirme, Verträge und Menschen in teuren Anzügen. Auf jedem Monitor lief eine Krise. Krankenhäuser ohne Daten. Aktienkurse im freien Fall. Ein Journalist, der bedroht wurde. Hohenfeld hob die Hand.
„Willkommen in der Arena“, sagte er im Video. „Der Markt verzeiht keine Schwäche. Wir auch nicht.“
Dann trat ein Mann ins Bild, den Mara kannte: der CFO, seit zwei Monaten angeblich wegen Burn-out im Ausland. Im Video kniete er, blutend aus der Nase, während Hohenfeld die Zuschauer abstimmen ließ, ob sein Verrat intern geregelt oder den Behörden übergeben werden sollte.
Die Abstimmung endete mit: intern.
Das Video brach ab.
Mara kämpfte gegen Übelkeit. „Das ist Wahnsinn.“
„Nein“, sagte Leon. „Das ist eine Geschäftsstrategie.“
In diesem Moment vibrierte Maras Handy. Eine unbekannte Nummer. Sie nahm an, stellte auf lautlos, nur Text erschien.
WENN SIE LEBEN WOLLEN, KOMMEN SIE ZUR PRESSEKONFERENZ. 18 UHR. SIE SIND DIE ZEUGIN.
Darunter ein Foto: Maras kleiner Bruder Jonas vor seiner Berufsschule. Aufgenommen vor wenigen Minuten.
Leon sah das Bild. „Hohenfeld?“
Mara presste die Lippen zusammen. „Oder jemand, der möchte, dass wir das glauben.“
Da klopfte es an die Tür. Einmal. Zweimal. Dann sagte eine Frauenstimme:
„Frau Seidel? Ich bin Staatsanwältin Reva Lenz. Öffnen Sie nicht. Hinter Ihnen ist eine Kamera.“