Mara Seidel hasste den siebenundvierzigsten Stock, obwohl er die beste Aussicht über Frankfurt bot. Von hier oben sah die Stadt aus wie ein Modell aus Glas, Stahl und ehrgeizigen Lügen. Genau deshalb passte die Etage perfekt zur Zentrale von Hohenfeld Dynamics, einem Konzern, der Sicherheitssoftware für Kliniken, Banken und öffentliche Behörden entwickelte – und dessen Image makelloser war als die Fensterfronten, die jeden Morgen von Männern gereinigt wurden, die niemand beim Namen kannte.
Mara war Compliance-Analystin. Ihr Beruf bestand darin, Dinge zu finden, die andere sorgfältig versteckt hatten. Bestechung, Bilanztricks, Datenlecks. Sie hatte sich darauf spezialisiert, in höflichen E-Mails den Geruch von Panik zu erkennen.
An diesem Montag roch alles nach Panik.
Der Fahrstuhl öffnete sich, und Leon Falk stand darin, als hätte ihn jemand extra für ihren schlechten Tag bestellt: dunkelblauer Anzug, müdes Lächeln, ein Kaffeebecher in der Hand und diese unverschämte Ruhe, die Menschen besitzen, die gewohnt sind, Räume zu gewinnen, bevor sie den Mund aufmachen.
„Seidel“, sagte er.
„Falk.“
Leon leitete die Abteilung Strategische Partnerschaften. Offiziell verkaufte er Softwarelösungen. Inoffiziell gewann er jeden Machtkampf, bevor die Gegenseite merkte, dass einer begonnen hatte. Mara hatte ihn dreimal in internen Prüfungen erwischt, wie er Regeln dehnte, ohne sie zu brechen. Er hatte sie dreimal mit einem Lächeln ausgebremst. Seitdem hielt sie ihn für gefährlich.
„Heute Vorstandsausschuss?“, fragte er.
„Heute Wahrheit“, sagte Mara.
Sein Lächeln wurde schmaler. „Dann sollten Sie einen Helm tragen.“
Im Konferenzraum warteten elf Männer, zwei Frauen und ein Anwalt, der aussah, als hätte man ihn aus einem Strafgesetzbuch gefaltet. Am Kopf des Tisches saß Vorstandschef Konrad Hohenfeld, Gründer, Wohltäter, Medienliebling. Er hatte eine Stimme wie warmer Honig und Augen wie kaltes Wasser.
Mara schloss ihren Laptop an. Auf dem Bildschirm erschien ein Diagramm: Zahlungsströme, verschachtelte Firmen, verschwundene Serverprotokolle. Der Raum wurde still.
„Vor sechs Monaten“, begann sie, „wurde das Kliniknetzwerk NordCare gehackt. Offiziell durch eine ausländische Gruppe. In unseren internen Daten findet sich jedoch ein Testmodul, das exakt dieselbe Schwachstelle erzeugt hat. Das Modul wurde nie gemeldet, sondern über eine Tochterfirma verkauft. Danach stiegen unsere Vertragsabschlüsse für Notfall-Sicherheitspakete um 340 Prozent.“
Ein Stuhl knarrte. Jemand atmete zu laut.
Mara klickte weiter. „Die Freigaben führen zu einer Signatur, die als gelöscht markiert ist. Ich habe sie wiederhergestellt.“
Der Name erschien.
KONRAD.HOHENFELD.
Für drei Sekunden hörte man nur die Klimaanlage.
Dann lächelte der Vorstandschef. „Frau Seidel, Sie verwechseln eine technische Korrelation mit einem Verbrechen.“
„Nein“, sagte Mara. „Ich verwechsel nichts.“
Leon Falk saß am anderen Ende des Tisches. Er sah nicht überrascht aus. Das beunruhigte sie mehr als jeder Protest.
Als die Sitzung endete, war Mara offiziell beurlaubt. Nicht gekündigt – das wäre ein Eingeständnis gewesen. Beurlaubt, während eine „unabhängige Prüfung“ ihre Vorwürfe bewerten sollte.
Im Flur holte Leon sie ein.
„Sie müssen hier raus“, sagte er leise.
„Danke für den Karrierehinweis.“
„Nein. Jetzt.“
Da flackerte das Licht. Ein Alarmton schnitt durch den Gang. Am Ende des Korridors fiel ein Mann gegen die Glaswand: Dr. Yves Brenner, Leiter der internen IT-Forensik. In seiner Hand steckte ein silberner Datenträger. Auf seinem Hemd breitete sich Blut aus.
Mara rannte zu ihm. Brenner packte ihr Handgelenk mit erschreckender Kraft.
„Nicht der Prozess“, flüsterte er. „Die Arena.“
Dann starb er.
Und der Fahrstuhl hinter ihnen öffnete sich mit einem leisen Gong.
Darin standen zwei Sicherheitsleute, die keine Ausweise trugen.