Mara hätte zur Polizei gehen können. Sie tat es nicht. Nicht sofort. AUREON hatte ehemalige Staatsanwälte im Aufsichtsrat, Berater in Ministerien und Spendenquittungen, die wie Schutzschilde wirkten. Wer zu früh redete, wurde zur hysterischen Angestellten, zur verschmähten Beförderungskandidatin, zur Frau mit Motiv.
Also tat sie, was sie am besten konnte: Sie baute einen Fall.
Ihre Verbündeten fand sie dort, wo Falk nie hinsah. In der Nachtschicht der Datenreinigung. Bei den Assistentinnen, die Kalender löschten und Reisen buchten. Bei der Betriebsärztin, die wusste, welche Führungskräfte plötzlich Schlafmittel brauchten. Und bei Samira Leitner, einer ehemaligen Fechterin und jetzigen Leiterin des Facility-Teams, die jedes Sicherheitsschloss im Gebäude kannte.
„Männer wie Falk bauen Paläste aus Glas“, sagte Samira, während sie Mara einen Wartungsausweis zuschob. „Weil sie glauben, niemand wirft Steine.“
Gemeinsam entdeckten sie, dass ARENA heimlich in drei europäischen Städten getestet worden war. Nach einem Konzertabbruch in Lyon waren zwölf Menschen in einer Unterführung erdrückt worden, weil die digitalen Leitsysteme sie dorthin gelenkt hatten. In Prag hatte eine Protestgruppe keine Sanitäter erreicht, weil Drohnen „Risikozonen“ falsch markiert hatten. In Graz war ein Brandalarm verzögert worden, um Fluchtmuster zu messen.
Mara übergab die Daten nicht an eine Zeitung. Sie wählte einen gefährlicheren Weg: ein öffentliches digitales Tribunal, live gestreamt auf einer Plattform, die eigentlich für Aktionärsfragen gedacht war. Der jährliche „Ethik & Zukunft“-Kongress von AUREON sollte Falks Krönung werden. Mara verwandelte ihn in eine Anklagebank.
Kurz vor Beginn stellte Elias sie im Backstage-Flur.
„Wenn Sie das senden, werden sie Sie zerstören.“
„Haben Sie Levin getötet?“
Der Satz traf ihn sichtbar. Zum ersten Mal zerbrach seine Kontrolle.
„Nein.“
„Aber Sie waren da.“
„Ich habe für die Behörde gearbeitet. Verdeckte Untersuchung. Levin war mein Informant.“
Mara lachte bitter. „Wie bequem. Der mysteriöse Retter mit Geheimauftrag.“
Elias zog ein altes Diktiergerät aus der Tasche. „Levin hat mir vertraut. Ich kam zu spät. Als das Licht ausging, war der Täter schon weg. Ich habe Sie gesehen und dachte, Sie wären Teil davon.“
„Und jetzt?“
„Jetzt denke ich, dass Sie die Einzige sind, die mutig genug ist, den falschen Menschen zu hassen.“
Für einen Moment war der Flur still. Zu still für all das Blut, die Daten, die Lügen. Mara spürte, wie gefährlich es war, ihm glauben zu wollen.
Dann ertönte Applaus aus dem Saal. Falk betrat die Bühne. Hinter ihm leuchtete der Slogan: SICHERHEIT IST VERTRAUEN.
Mara sah Elias an. „Wenn Sie lügen, reiße ich Sie mit hinunter.“
„Abgemacht“, sagte er.
Sie küsste ihn nicht. Nicht in diesem Flur, nicht inmitten eines Krieges. Aber der Gedanke daran war plötzlich eine weitere Waffe, die sie nicht einordnen konnte.